Die EU ist tot. Es lebe Europa!

Die EU ist tot, es lebe Europa, möchte man angesichts des von den Briten angestrebten EU-Austritts rufen. Vielleicht geht es auch einige Stufen weniger dramatisch, und vielleicht kann man auch einfach erst einmal abwarten, was die Zukunft bringt.

Ganz gleich aber, was konkrete politische oder wirtschaftliche Folgen sein werden, eines ist klar: Die Bürger eines wichtigen EU-Mitgliedsstaates haben deutlich gezeigt, dass sie sich gegen die EU entscheiden können und dürfen, dass es in ihrer Macht steht, dass sie souverän sind. Und damit steht „die EU“, d.h. der bürokratische Apparat, vor der Herausforderung, sich doch einmal wieder mit der eigenen Bevölkerung, und – man glaubt es kaum – mit deren Willen zu beschäftigen.

Das Selbstverständnis der EU ist massiv in Frage gestellt

Zwar wird gerne behauptet, es handle sich bei EU-Gegnern vor allem um die Ängstlichen, aber man sollte mit derlei Behauptungen vorsichtig sein: Ist es nicht auch Angst vor den Folgen, die Menschen trotz der Missstände an der EU festhalten lassen, ja, einen Austritt als undenkbar hinstellen will? Dies ist lediglich eine Frage der Interpretation. Insofern wär es sicher sinnvoller, in beiden Lagern gleichermaßen Angst und Mut, Resignation und Aufbruchsstimmung zu verorten.

Wir sollten uns fragen, ob der Brexit abgesehen von den politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen nicht auch das mittlerweile völlig materialistische Selbstverständnis der EU nachhaltig in Frage stellt.

Linke berauben die EU ihrer Faszination

Wenn ich an etwas glaube, dann kämpfe ich dafür; wenn ich etwas liebe, dann stehe ich dazu, auch in harten Zeiten. Die EU aber stellt sich nicht mehr als etwas dar, das man lieben könnte. Es reicht den Menschen nicht, in Sicherheit und relativem Wohlstand zu leben. Es ist mehr nötig als eine Befriedigung äußerer Bedürfnisse: Wir brauchen Identifikation. Die Europäische Zusammenarbeit sollte über die Wirtschaft funktionieren, aber sie sollte auch eine identitätsstiftende Wirkung entfalten: Über den Gedanken, als Europäer vereint zu sein, sollte ein Wir-Gefühl erzeugt werden, das wiederum die Grundlage eines stabilen Friedens bilden würde. Ironischerweise wurde der europäische Gedanke vorrangig von der politischen Linken seiner integrativen und identitätsstiftenden Kraft beraubt, und zwar vor allem durch ein unvermeidliches Missverständnis: Während man als Wurzel des modernen Europa neben der Antiken Geisteswelt insbesondere das Christentum ansehen kann, das diese Geisteswelt angenommen, modifiziert und überliefert hat, sind die gemeinsamen Werte lediglich ein Ergebnis, eine „Frucht“ dieses Glaubens.

Als man begann, das Christentum für obsolet zu halten, deklarierte man kurzerhand die Werte zum Fundament um und ging davon aus, man könne den Baum auch ohne Wurzeln am Leben erhalten. Ohne diese aber stirbt er ab und bringt eben keine Frucht mehr. Genau das erleben wir nicht erst seit heute in der EU: Der Wertekanon ist bis zur Unkenntlichkeit diffus und beliebig und erweist sich im besten Falle als naiv, im schlimmsten Falle schlicht als heuchlerisch angesichts einer verlogenen Außenpolitik und angesichts der himmelschreienden Dekadenz in Bezug auf die drängenden ethischen Fragen der Zeit. Dennoch wird eben dieser Wertekanon weiterhin beschworen, selbst noch angesichts der lecken Boote der Schlepper, die das Mittelmeer zum Massengrab machen; denn was bliebe einer säkularisierten, materialistischen Gesellschaft anderes übrig?

Die Angst vor den Nachahmern eines *EXIT

Hier herrscht eine folgenschwere Blindheit, die nicht mehr in der Lage ist, zu erkennen, dass die Substanz vernichtet worden ist, zugunsten einer Hülle, die man kaum noch als Feigenblatt bezeichnen kann. Es ist nur folgerichtig, dass die ungläubigen Stimmen vor allem aus dem linken Lager kommen: Zwischen Europäischer Union und Europa kann hier nicht differenziert werden. „Europa“ enthält lauter Konzepte, die die Linke ablehnt, beginnend bei christlichem Menschenbild und Naturrecht, über Nationalgefühl und Patriotismus bis hin zu vielfältigen Gesellschaftsordnungen, die dem Ideal der Egalité zum Teil völlig entgegengesetzt sind. Der alte europäische Gedanke (man könnte auch „Abendland“ sagen, wenn man sich traut) wurde daher durch die EU ersetzt; und diese wurde mit einem romantischen Weltbürgertum und mit „Werten“ assoziiert, die der Linken am Herzen liegen. So ist es nicht verwunderlich, dass, da es für diese Denkrichtung kein Europa außerhalb der EU geben kann, man die Briten ins Nichts entschwinden sieht. Und es beschleicht wohl manchen die Angst, andere könnten folgen: Womöglich fahren noch andere über den durchschnittlichen Horizont eines links-grünen Fantasten und fallen von der EU-Erdscheibe herunter ins Nirgendwo. Das Entsetzen weiter Teile des linken Lagers angesichts eines solch schicksalsverachtenden Pioniergeistes ist verständlich.

Es zeigt sich aber, dass Genderideologie, Ökowahn, political correctness und die vorgebliche Einebnung von Unterschieden keinesfalls ein kollektives Zusammengehörigkeitsgefühl generieren können und den ideellen Hunger nicht stillen. Ohne inneren, tragfähigen Zusammenhalt aber können auch äußere Krisen nicht gemeistert werden. Nun können wir eine jahrzehntelange Entwicklung entgegen der ursprünglichen Grundausrichtung der Europäischen Union nicht einfach rückgängig machen. Es stellt sich daher die Frage, ob es denn die EU ist, die so unabdingbar, so unvermeidlich, so wesentlich für das Wohlergehen der europäischen Völker und der Welt ist. Wenn die Werte, die Ideen und die Wurzeln, die die EU begründet haben, inhaltlich nicht mehr vorhanden sind, wieso sollen wir sie innerhalb des Systems suchen? Es ist sicher lohnend, die Reform eines solch großartigen, ehrgeizigen und einzigartigen Projekts zu versuchen, aber kann man es als alternativlos darstellen? Nun, man hat es versucht, die Briten haben sich nicht davon überzeugen lassen.

Europa bleibt – auch wenn die EU vergeht

Großbritannien kann aus der Europäischen Union austreten, aber nicht aus Europa. Europa ist und bleibt mehr als ein Wirtschaftsraum, mehr, viel mehr als eine „Wertegemeinschaft“. Die EU kann, unter großer Anstrengung und unter gemeinsamem Engagement, die Inhalte wiederbeleben, die sie groß und unverzichtbar gemacht haben, und jeder von uns ist gefragt, an dieser Aufgabe mitzuwirken. Aber wir können und sollen uns nicht darauf verlassen, dass die, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, diese Aufgabe überhaupt begriffen haben. Darum sollte man sich zurückbesinnen, nicht auf die Union, einen Zusammenschluss, der zusammenkommen und sich auflösen kann, sondern auf Europa, einen einzigartigen Kulturraum, der über Konflikte, Kriege und Selbstzerfleischung hinweg unauflösbar verbunden ist: Ein Zusammenschluss, der sich über Jahrhunderte als solcher entwickelt und erwiesen hat, einer, der sicher nicht so handfest und fassbar ist wie ein gemeinsamer Wirtschaftsraum und fehlende Grenzkontrollen, der aber deshalb nicht weniger konkret und nicht weniger wirklich ist.

Im Augenblick erscheint die EU wie ein Musterbeispiel eines stürzenden Giganten. Von drei Säulen sind zwei als nicht mehr tragfähig entlarvt: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit erwies sich mit der Finanzkrise, die politische mit der Ukrainekrise als Farce. Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass ausgerechnet jetzt mit dem Islamismus und dem politischen Islam die Ideologie droht, die seit über einem Jahrtausend immer wieder der Prüfstein für die dritte Säule, die ideelle Grundlage und das europäische Selbstverständnis, war. Wenn diese Säule ebenfalls stürzt, dann kann nur eine Rückkehr zum ursprünglichen, wahren europäischen Gedanken die Stabilität bieten, die ein krisengeschütteltes und terrorgebeuteltes Europa braucht. Dann geht es um mehr als Stabilität, Wirtschaftskraft oder einheitliche Strukturen. Dann geht es ums Ganze.

Autor: Anna Diouf

Statistik und ihre Tücken

Ablehnung tut weh. Eine übliche Bewältigungsstrategie ist es, den der uns abgewiesen hat, nachträglich zu diskreditieren – die Arbeitsstelle war gar nicht so erstrebenswert, dieses oder jenes, das man haben wollte, ist überhaupt nicht so wichtig wie zuerst gedacht, und der Mensch, mit dem man anbandeln wollte ist gar nicht so schön und begehrenswert, wenn man es recht bedenkt. Diese Methode zur Aufarbeitung von Ablehnung scheinen nun EU-Bürger gegenüber Großbritannien anzuwenden. Offenbar sind die Briten so unintelligent, dass es uns nicht weiter stören muss, wenn sie sich in ihrer Dummheit aus unserem gemeinsamen Erfolgsprojekt verabschieden. Mit Eifer haben sich Medien landauf landab die Schlagzeile der Washington Post zu eigen gemacht, die aufgrund eines Google-Tweets mit der Meldung auftrumpfte, die Briten hätten nach dem Brexit schlagartig angefangen, zu googeln, was die EU überhaupt sei. Was als Schlagzeile begann lässt sich wunderbar via Memes verbreiten und so kann man sich auf seinem Social-Media-Account vor Anspielungen auf die unwissenden Briten kaum retten, so man das zweifelhafte Privileg hat, einen linksdominierten Freundeskreis zu haben. Mehr Arroganz geht nicht.

Die Behauptung ist selbstverständlich unwahr. Obwohl die Frage „Was passiert, wenn wir die EU verlassen“ tatsächlich nach dem Brexit häufiger angefragt wurde, sind die absoluten Zahlen diesbezüglich schlicht unbedeutend, weil verschwindend gering. Die gigantisch klingenden „250%“ Anstieg laut Google ergeben in absoluten Zahlen nicht einmal 1000 Anfragen. Ganz abgesehen davon, dass es, selbst wenn man sich vor dem Referendum informiert hat, wohl nachvollziehbar ist, wenn man nach der Bekanntgabe des Ergebnisses online auf die Suche nach Äußerungen dazu geht.
Wie man es dreht und wendet, man kann den Briten nicht unterstellen, sie hätten sich keine Gedanken gemacht, nur, weil das Ergebnis, zu dem sie gekommen sind, nicht das ist, zu dem der durchschnittliche von German Angst geplagte Deutsche gekommen wäre. Ganz unabhängig davon, ob der Brexit die richtige Entscheidung war (was man seriöserweise schlicht und einfach nicht weiß), er ist eine mutige Entscheidung. Es ist es zweifelhaft, ob Deutsche überhaupt noch das Rückgrat hätten, gegen massive Einflussnahme der Wirtschaft und gegen das Votum ihrer Führer*innengestalten eine eigene Meinung zu vertreten, die von dem abweicht, was von oben vorgegeben wird. Zwar werden die Stammtischgespräche beim Hefeweizen nicht weniger EU-kritisch ausfallen, als die beim Ale, aber ob man hier den Mumm dazu hätte, wider Mutti Merkel einfach mal einen anderen Weg auszuprobieren, wenn mehr vom bekannten Rezept keine Lösungen verspricht, scheint unwahrscheinlich. Da ist es tröstlich, statt der eigenen phlegmatischen Feigheit und Resignation die angebliche Dummheit des anderen zu verspotten.

Ein erfolgreiches Groß- oder Kleinbritannien würde zu Verunsicherung führen

Der billige Versuch, das Selbstbestimmungsrecht und die demokratische Verfasstheit Großbritanniens ins Lächerliche zu ziehen, spricht Bände über den Zustand der Demokratie in Rest-Europa. Ebenso deutlich sprechen die düsteren Untergangsfantasien, die man am Horizont heraufdräuen sieht, bevor es genauere Informationen zum Ablauf des Ausstiegs gibt und lange bevor man belastbare Aussagen zu Wohl und Wehe des Landes machen kann. Natürlich wird das Pfund ins Bodenlose fallen, und weil es eine Wirtschaftskrise war, in der das Land steckte, bevor es in die EU eintrat, wird es natürlich zwangsläufig wieder in eine Wirtschaftkrise zurückfallen – die Sternstunde der Logik, nicht wahr? Ausländer werden um ihr Leben fürchten müssen, Europa wird Großbritannien wirtschaftlich abstrafen (davor hat das die Begründerin des Commonwealth und das Mutterland der unangefochtenen Welt- und Wirtschaftssprache Nr. 1 sicherlich entsetzliche Angst…), usw. Meine Damen und Herren, schauen Sie sich die Schweiz an. Dort gibt es nur Kühe, Ovomaltine und Berge (und Schwarzgeldkonten), und trotzdem geht es den Menschen prächtig. Aber nein. Ein erfolgreiches Groß- oder Kleinbritannien würde zu Verunsicherung führen, weshalb wir die negativen Folgen auch nicht primär den Briten, sondern den Kontinentaleuropäern möglichst plastisch deutlich machen, damit sie sich nicht etwa animiert fühlen von soviel Souveränität und Initiative.

Die Diskreditierung der Entscheidung der Briten findet also auf allen Ebenen statt. Die unrühmlichste weil dämlichste ließ sich ebenfalls vor allem im Netz beobachten, allerdings konnte man auch ihre Demaskierung genüsslich mitverfolgen: Um auch dem letzten EU-Kritiker deutlich zu machen, wohin der Weg führt, nämlich ganz gleich ob in die Glückseligkeit oder ins Verderben, keinesfalls raus aus der EU, wurde kolportiert, der Brexit sei gegen die Stimmen der Jungen durchgesetzt worden. Das Motto: Die verbitterten, ewiggestrigen Alten haben der Jugend die Zukunft verbaut. Die zweifache Hybris dieser Aussage lässt einen dann doch sprachlos zurück: Zum einen ghören wirklich Chuzpe und ein gehöriges Maß an Realitätsverweigerung dazu, wenn man behaupten will, die Zukunft liege zwangsläufig und einzig in der EU. Das kommt auf sehr viel mehr Faktoren an als auf eine rückwärtsgewandte EU-Romantik, die aus 70 Jahren Frieden einen alleinigen Verdienst der EU macht, während es rings um sie herum knallt, und zwar durchaus nicht zu knapp mit Hilfe von Waffen, die Mitgliedstaaten dieser EU an die Kombattanten liefern. Der zweite Punkt ist nicht nur größenwahnsinnig, sondern auch unanständig, undankbar und idiotisch: Seit wann ist die Entscheidung der Alten zwangsläufig schlecht? Kann es nicht zumindest theoretisch sein, dass sich bei Entscheidungen, die Weitblick erfordern, am Ende die Perspektive des Alters und der Erfahrung als hilfreich und rettend erweist? Was macht die Generationen derer, die keinen Krieg und keine Nachkriegszeit erlebt haben, die keine verwüsteten Städte aufgebaut oder ihren Müttern dabei zugeschaut haben, so verdammt sicher, dass sie es besser wissen? Allein schon diese Selbstgewissheit lässt einen davor schaudern, dass diese Generation politische Verantwortung übernehmen soll.

Unlautere Manipulationen

Abgesehen davon erwies sich die „Anschuldigung“ spätestens dann als hanebüchen, als sich herausstellte, dass die Wahlbeteiligung der Jungen signifikant unter der der älteren Briten lag. Im Klartext: Die angeblich in ihrem Glück (EU-Mitgliedschaft) von sozialneidischen Grannies blockierte Generation hat sich für das Referendum schlicht nicht genügend interessiert, um überhaupt zu den Wahlurnen zu gehen.

Dies ist der klassische Fall von „Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast“. Zahlen allein reichen nicht, man sollte sie auch zu deuten wissen. All diese unlauteren Manipulationen sind letztlich der hilflose Versuch, sich die Welt so zu bauen, wie sie einem gefällt. Am Ende zählt die Realität. So ungewohnt und ungeheuerlich es klingt, irgendwann werden die konkreten Zahlen zu wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung tatsächlich vorliegen. Wobei selbst diese Zahlen die Realität nur unvollkommen wiedergeben werden. Keiner der medialen Versuche, Großbritanniens Entscheidung als falsch zu geißeln, kann derzeit seriös sein. Man sollte jetzt erst einmal akzeptieren, dass die Briten sich auf einem anderen Weg wissen wollen, als ihn die EU unter Juncker und Merkel beschritten hat. Das ist ihr gutes Recht. Wer hier Häme zeigt oder meint, die Briten für dumm erklären zu müssen, um mit diesem Verlust klarzukommen, der offenbart lediglich einen europäischen Minderwertigkeitskomplex, der nicht gerade für die Resilienz und die Zukunftsfähigkeit der Europäischen Union spricht.

Autor: Anna Diouf

Der Brexit ist beschlossen. Was passiert nun?

Hofreiter fordert im Fernsehen mehr Demokratie und mehr Geld für Krisenländer. Beatrix von Storch hat „vor Freude geweint“. Merkel muss weg oder endlich richtig ran, die Linken fordern mehr links, die Konservativen mehr Konservativismus – eben jeder mehr von dem, was er immer schon wollte. Jetzt erst recht.
So bleiben alle in ihren Strukturen kleben. Jeder sieht sich bestätigt. Jeder sagt, Europa müsse zusammenrücken, und meint damit, die anderen müssten näher zu ihm rücken. Niemand hat den Schuss gehört, denn jeder ist überzeugt, dass nur die anderen ihn hören mussten.

Was jetzt passiert

Jetzt gehen sie also raus, die Briten. Ab sofort läuft ein großer Teil der Abstimmungen ohne sie. Was wird passieren? Keiner weiß es, doch eines fällt auf: Dass nämlich nahezu ausschließlich vom Geld und von der Wirtschaft die Rede ist, wenn über die Folgen gesprochen wird. Das Geld steht an erster Stelle. Und weil Europa von seiner Einheit lebt, Deutschland allen voran, wird man es den Briten richtig schwer machen. Man wird dafür sorgen, dass sie es spüren bis an den Rand des Tragbaren, und dass sie es schnell spüren, denn was sollte besseren Schutz vor weiteren Abspaltungen bieten, als diese eine, wenn sie wirtschaftlich misslingt?
Die Loslösung Englands vom restlichen Europa wird tiefer, als man jetzt glaubt. England kann dabei viel größere Probleme bekommen, als geplant, bis hin zu Spaltungstendenzen.
Wirtschaftlich dürfte das daneben gehen, sozial dürfte es ebenfalls sehr schwer werden für das Vereinigte Königreich. Es wird vielen Menschen dort materiell schlechter gehen. Also ein Fehlschuss?

Ein Fehler?

Ein klarer Fehlschuss, ja, wenn man das als Maßstab nimmt. Doch ist das der Maßstab? Es ist eines der größten Probleme Europas: dass die Vision eines friedlichen und geeinten Kontinents durch die Vision eines reichen Kontinents ersetzt wurde und die Vision von Menschlichkeit durch die Vision von Bürgerlichkeit. Die Aufbauphase eines zerstörten Europas ist im Suchen nach Wohlstand versickert. Übrig bleibt eine trübe Pfütze von „Gib mir genug Geld und ansonsten meine Ruhe“.
Europa ist im politischen Kleinkrieg nicht mehr visionsfähig. Ohne gemeinsame Vision brechen Nationalismen auf. Nicht, weil plötzlich alle braun denken, sondern weil sie schwarzsehen. Europa ist ein steiniger Weg. Wozu sollte man ihn gehen, wenn man kein Ziel hat? Ohne Licht am Ende des Tunnels in Form eines gemeinsamen Ziels jenseits des Wohlstands bleiben nur die Stolpersteine. Doch wozu ständig stolpern, wenn es nichts bringt? Den Krieg hat kaum einer noch erlebt, der Frieden als Vision hat nahezu ausgedient. Egal, wohin man schaut: jeder, der den Frieden beschwört, fordert zugleich harte Worte, klare Kanten, will etliches endlich einmal sagen dürfen und andere Tendenzen sanktionieren. Frieden nach den eigenen Vorstellungen. Und so bleibt als Vision nur die, Europa zu verlassen. Diese Vision trug in Großbritannien den Sieg davon.

Oder die Rettung?

Es wird sich zeigen, ob der Preis, den Britannien wird zahlen müssen, lohnt. Doch wenn Europa weiterhin agiert, wie es agiert, wenn es sich weiterhin weigert, die Herausforderungen der Zeit als Vision anzunehmen und kämpferisch anzugehen, wenn Europa sich weiterhin zersplittert, weil jeder besser weiß, wie man mit Geld umgeht, dann war es für die Briten vielleicht der unbequeme Entschluss, ins Rettungsboot zu springen. Dort ist es eng und unbequem und man hat wenig Vorräte. Aber man entkommt dem sinkenden Schiff.

Autor: Bastian Volkamer

Lasst es bitte Fußball bleiben

Ein wahrscheinlich fruchtloser Appell. Jeder, der gemeint haben sollte, die Menschheit habe sich innerhalb der vergangenen Jahrhunderte irgendwie weiterentwickelt, wird hier eines besseren belehrt: Ehre, Wohlfahrt und Wohlergehen eines Landes hängen an Mannschaften, die alles geben, damit ihre Landsleute stolz sein und neues Selbstbewusstsein aus einem Sieg generieren können.

Nun mag das im Falle sehr armer und gebeutelter Länder nachvollziehbar sein. Wenn man einem tristen Alltag die Stirn bieten muss, dann ist es ein Lichtblick, sich 90 Minuten lang wie ein Held fühlen zu dürfen. Allerdings haben sehr arme und gebeutelte Länder im modernen Fußballbetrieb ohnehin kaum Chancen. Auch im Falle historisch rückfälliger Nationen scheint es logisch, geradezu stilsicher, ein Fußballspiel zum Anlass politischer Statements zu nehmen und anschließend prügelnd und randalierend durch die Straßen der gastgebenden Stadt zu ziehen (oder andersherum). Nicht schön, aber was sollte man anderes erwarten.

Dümmliche Kommentare im Internet

Für einen nationalgefühlbefreiten Durchschnittsdeutschen sollte derart hinterwäldlerisches Gehabe und Getue allerdings kein Thema sein, oder? Wir lieben den Sport um des Sports willen, und müssen ihm keine politische oder gar transzendente Bedeutung zumessen! Traumsequenz Ende, back to reality:

Nach dem ersten Spiel der Nationalmannschaft im Rahmen dieser Europameisterschaft quollen die sozialen Netzwerke über vor nicht besonders intelligenten, man könnte auch sagen „ziemlich dümmlichen“ Kommentaren: „Mustafi 1: AfD 0“ war da zu lesen, oder auch, dass ja nun die Armutseinwanderung nachweislich rehabilitiert und jede Opposition dagegen delegitimiert sei. Um nur zwei der schöneren Beispiele zu nennen. Zahllos waren pseudopointierte Aussagen, deren grobe Stoßrichtung durchgehend war, dass in irgendeiner Weise dieses erste Spiel der AfD geschadet und sie Lügen getsraft habe. Warum und wieso, das bleibt im Nebel der ideologischen Verblendung der Verfasser solcher Aussagen verborgen.

Dümmliche Formulierungen in den Medien

Auch in den Fernsehkommentaren nahm die Herkunft der jeweiligen Spieler einen unnötig großen Raum ein. Vielleicht macht es ja auch Spaß, sich Wendungen zu überlegen, die nach allen Seiten hin abgesichert sind und dann doch irgendwie nicht inflationär klingen, wie etwa die schon poetisch anmutende Benennung Mustafis als „Sohn albanischer Eltern“. Werden wir nun in jedem Spiel ausufernd darüber informiert, welcher Herkunft der jeweilige Akteur anteilig ist? Wo setzen wir den Nichtariernachweis zeitlich an? Beim Einfall der Hunnen oder doch lieber schon vor der Varusschlacht? Je früher wir mit der ethnischen Einordnung beginnen, desto multikultureller können wir unsere Mannschaft positionieren!

Nebenbei bemerkt: Ich bezweifle, dass die Trademark „Die Mannschaft“ in erster Linie politisch gemeint ist. Viel plausibler ist, dass man eben aus Marketinggründen einen prägnanten, griffigen Namen brauchte, wie es sie auch für andere Nationalmannschaften gibt. Wenn man allerdings der Streichung des Wortes „national“ eine tiefere Bedeutung beimessen will, dann sollte doch auffallen, dass, während alle anderen ganz bescheiden einfach nur ihr Land vertreten, die Deutschen mal wieder alles an sich reißen: Sie stehen nicht für ihr Land, sondern für „die Mannschaft“ an sich, für den Fußball schlechthin. Sollten also die Deutschen tatsächlich an einem national bedingten Größenwahn leiden, dann würde es hier evident.

Dümmliche historische Einordnungen

Das zweite Spiel erwies sich in seiner medialen Verarbeitung nur deshalb als weniger dramatisch, weil kein Tor fiel, man also keinem Menschen mit Migrationshintergrund irgendwie einen Anteil an deutscher Glorie zumessen konnte (aber man konnte natürlich wenigstens Lewandowski über den Klee loben). Allerdings wurde man von politisch Sensiblen natürlich auf die angebliche Brisanz eines Matches zwischen Polen und Deutschland hingewiesen, und zwar keineswegs nur scherzhaft, was natürlich auch vorkommt und unvermeidlich ist, sondern auch ganz und gar ernstgemeint. Vielleicht sollte man den Autoren solcher Posts ein Update bezüglich der historischen Entwicklung empfehlen.

Deutschland meint, in allen möglichen Weltrettungsangelegenheiten mit gutem Vorbild vorangehen zu müssen. Tut es in diesem Fall: Rettet den Fußball vor ideologischen Höhenflügen. Kicken ist etwas Wunderbares, aber es wird nicht den ersehnten Weltfrieden bringen. Zumal man angesichts des korrupten Apparats, der den internationalen Fußball organisiert, nur von Heuchelei oder grenzenloser Naivität sprechen kann.

Unheilbarer Chauvinismus bei linken Weltverbesserern

Ironischerweise ist das Ergebnis der herkunftsgesteuerten Lobhudelei ohnehin das Gegenteil des Erstrebten: Wenn ich da draußen auf dem Platz meine Mannschaft sehen will, eine starke Gruppe, die zu Identifikation einladen soll, dann ist es nicht hilfreich, alle naselang darauf hinzuweisen, dass die zugehörigen Personen ja gar nicht wirklich und komplett zugehörig seien. Anstatt die deutsche Mannschaft und Deutschland spielen zu sehen, sieht der Zuschauer den Türken, den Albaner, den Polen. So funktionieren Identifikation und Zusammengehörigkeitsgefühl nicht. Und nicht jede alltägliche Lebensäußerung des Deutschen (wie etwa Fußballschauen) sollte als Gelegenheit zur Volkserziehung genutzt werden. Das führt irgendwann zu Überdruss, natürlich völlig unbemerkt von Funktionären und Projektleitern, die alles und jeden politisieren wollen, und zwar nur in eine Richtung. Was uns einmal mehr die unvermeidliche Beobachtung aufdrängt, dass Urgrund linker Weltverbesserungsstrategien ein unheilbarer Chauvinismus ist. Und was dieser Chauvinismus am allerwenigsten verträgt ist, wenn er angesichts eines 90-minütigen existenziellen Dramas in die Gefilde der Bedeutungslosigkeit verwiesen wird. Gönnen wir ihm und uns den Urlaub: Es ist ein Spiel.

Autor: Anna Diouf

Rechtsextremismus selbstgestrickt

Als ich gestern die Startseite von SPIEGEL ONLINE öffnete, sprang mir folgende Schlagzeile ins Auge: „Studie zu Rechtsextremismus: Deutschlands hässliche Fratze“. Beim Öffnen von Facebook sehe ich dann auch gleich eine Infografik der „Tagesschau“ mit dem Titel „Rechtsextreme Einstellungen“ und darunter Prozentzahlen von 58,5, 41,4 und 40,1 Prozent. Was ist los, fragt man sich alarmiert. Sind plötzlich große Teile der Bevölkerung rechtsextrem? Befürworten sie eine autoritäre Diktatur? Halten sie andere Ethnien und Rassen für minderwertig? Halten sie Hitler für einen großen Staatsmann, der nur ein paar bedauerliche Fehler gemacht hat? Wollen sie alle Ausländer aus Deutschland rausschmeißen? Denn das sind ja die Einstellungen, die normalerweise mit Rechtsextremismus assoziiert werden oder bis vor wenigen Jahre wurden.

Aber dann schaut man sich die Aussagen mit den erschreckenden Zustimmungswerten doch mal genauer an: „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“, „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“ und „Es ist ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen“. Aha!

Lässt die Kriminalstatistik eine solche Behauptung zu?

Die erste Aussage ist eine Tatsachenbehauptung, über die man sicher trefflich streiten kann, da in der Kriminalitätsstatistik Sinti und Roma nicht gesondert aufgeführt werden. Es gibt aber Anhaltspunkte in den Statistiken, die dafür sprechen, dass es sich tatsächliche so verhält, wie es immerhin 58,5 Prozent der Befragten empfinden. Alleine von 2007 bis 2011 hatte sich laut Kriminalitätsstatistik die Zahl rumänischer und bulgarischer Tatverdächtiger fast verdoppelt. Das ist genau die Zeit, in der sehr viele Sinti und Roma aus eben diesen Ländern kamen. Erst vor kurzem machte der Neuköllner Esoterikladen „Regenbogenlicht“ bundesweit Schlagzeilen, weil die Besitzerin ein Schild anbrachte, auf dem sie Roma den Zutritt verbot, „aufgrund der täglichen Diebstähle […] einer auf Raub und Betrug spezialisierten Bevölkerungsgruppe“. Nachbarn bestätigten eilends angereisten Reportern die Probleme mit kriminellen Roma. Eine Nachbarin sagte: „Man muss sich schon sehr dagegen wehren, beklaut zu werden.“

Man kann die Pauschalisierung in der obigen Aussage zurecht kritisieren. Das Anbringen eines Schildes an einem Geschäft, das einer bestimmten Bevölkerungsgruppe den Zutritt verwehrt, ist inakzeptabel. Aber „rechtsextrem“ sind wohl weder die sonst linksaktive Ladenbesitzerin, noch die unter der Kriminalität leidenden Anwohner, noch die Menschen, die aufgrund eigener Erfahrungen, Berichte oder Medienartikel in einer Befragung einer solchen Aussage zustimmen. Nicht alles, was problematisch ist, ist „rechtsextrem“.

Völlig anders läge der Fall, wenn die Befragten einer Aussage zugestimmt hätten, die Sinti und Roma seien ein minderwertiges Volk oder eine minderwertige Rasse. Oder wenn spezielle Sanktionen oder „Alle Sinti und Roma raus!“ gefordert würde. Das wäre eindeutig rechtsextrem, die Aussage oben ist es nicht.

Islam und Nazis verfolgen gemeinsame Interessen

Die zweite Aussage ist nun tatsächlich eine politische Forderung. Eine, wie man zugeben muss, recht radikale – aber ist sie denn auch „rechtsextrem“ einzuordnen? Ich würde sagen: Nein. Ich würde sogar noch weiter gehen, ich würde diese Aussage nicht einmal als „rechts“ einordnen. Es hat sich in den vergangenen Jahren eingebürgert, Kritik am oder Ablehnung des Islam als „rechts“ einzuordnen. Es gibt dafür jedoch keine oder nur sehr schlechte Argumente. Natürlich ist das Rechts-links-Schema an sich schon problematisch, aber an dieser Einordnung ist alles problematisch. Der „Scharia-Islam“ selbst ist laut dem Althistoriker Prof. Egon Flaig der „gefährlichste Rechtsextremismus der Welt“, und es gibt leider (noch) keinen Islam ohne Scharia. Selbstverständlich sind nicht alle Muslime gleich auch Verfechter der Scharia. Allerdings kommen bei einer massenhaften islamischen Einwanderung zwangsläufig auch immer mehr Scharia-Befürworter ins Land. Ja, wie sich inzwischen bewahrheitet hat, schlimmer noch: Es kommen auch muslimische Terroristen, die ihr mörderisches Handwerk aus dem Koran und mit der Scharia begründen.

Dass die Scharia mittlerweile selbst in deutsche Gerichtssäle eingedrungen ist, beklagen viele Juristen, die ganz und gar nicht des Rechtsextremismus verdächtig sind. Überhaupt sind orthodoxe islamische Wertvorstellungen und Gesetze fast aller islamisch geprägten Länder so ziemlich allem diametral entgegengesetzt, was links und liberal ist: vom Frauenbild über die Ablehnung der Homosexualität und rigiden Strafforderungen bis hin zu „reaktionärer“ Religiosität. Interessanterweise stehen Christen, mit ihren toleranten Ansichten zu einigen dieser Themen, weit mehr im Fokus öffentlicher Kritik, als der Scharia-Islam. So ist es auch kein Wunder, dass gerade Nationalsozialisten dem Islam besonders wohlgesonnen waren.

Bewunderung für den Islam aus dem rechtsextremen Lager

Selbst in der Nachkriegszeit sind beinahe schon traditionell die glühendsten Verteidiger des Islam und die Lobredner der arabisch-islamischen Kultur und ihrer angeblichen Bedeutung auch für Europa, rechtsextrem ausgerichtet. Als ein Beispiel diene hier die neopagane Religionswissenschaftlerin Sigrid Hunke („Allahs Sonne über dem Abendland. Unser arabisches Erbe“, 1960), die ein Stipendium des SS-Ahnenerbes erhielt und nach dem Krieg ständige Mitarbeiterin im rechtsextremen Thule-Seminar war. Für sie waren das germanische Heidentum und der kriegerische Islam dem Christentum vorzuziehen, das sie als „artfremd“ und „orientalistisch“ bzw. „jüdisch“ ablehnte. Die Forderung, Muslimen die Einwanderung nach Deutschland zu untersagen, ist also sicherlich radikal und rechtsstaatlich bedenklich, aber nicht „rechtsextrem“.

Bliebe die dritte Aussage: Und die hat nun mit der politischen Einstellung der ihr zustimmenden Personen gar nichts zu tun. Ob man es hübsch oder eklig findet, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen, das ist schlicht und ergreifend eine Geschmacksfrage. Manche finden im öffentlichen Raum küssende Pärchen an sich ekelhaft, manche Leute mit Bierflaschen und Kippen, manche versiffte Jogginghosenträger, manche geschniegelte Yuppies. Die Zustimmung zu dieser Aussage impliziert keinerlei politische Forderung, ja nicht einmal eine objektive Abwertung von Homosexuellen, sondern eine rein subjektive Empfindung. Man kann die Leute spießig nennen oder prüde oder was auch immer, aber „rechtsextrem“? Sicherlich nicht.

Medial forciert: Eine Spaltung der Gesellschaft

Was ist nun das Fazit? Mit diesen zweifelhaften Befunden des „Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung“ der Universität Leipzig und ihrer unkritischen Übernahme und Skandalisierung in den Medien wird die in den vergangenen Jahren erschreckend vorangetriebene Spaltung unserer Gesellschaft weiter verstärkt. Diejenigen, die zu der Hälfte gehören, die diesen Aussagen nicht zustimmen, werden weiter in Alarmstimmung gegen die vermeintliche „rechte Gefahr“ aus der „Mitte der Gesellschaft“ versetzt, und im Glauben bestärkt, dass der aggressive Kampf gegen sie eine gute und notwendige Sache und in diesem Kampf alles erlaubt ist, da es ja gegen „Rechtsextremismus“ geht, der bekanntlich das schlimmste Übel überhaupt darstellt. Die Hälfte aber, die diesen Aussagen zustimmt, wird sich in ihren Ansichten über die „Meinungsdiktatur“, in der man für das Aussprechen von eigenen Empfindungen und Ängsten oder „der Wahrheit“ als Extremist abgestempelt und bekämpft wird, bzw. „umerzogen“ werden soll, bestätigt fühlen. Eine sachliche Diskussion wird dadurch noch schwieriger werden als ohnehin schon. Die „Tagesschau“ und SPIEGEL ONLINE tun damit genau das, was sie anderen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit selbst vorwerfen: unnötig Öl ins Feuer gießen.

Autor: Marco Kunz

Unser Gastautor Marco Kunz wurde 1974 in Weilburg an der Lahn geboren. Er lebt in Berlin und arbeitet als persönlicher Assistent für behinderte Menschen und betätigt sich als Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm der Gedichtband „Gezeitenrhythmus in HD“ und der Roman „Rain Dogs„.

Mit aller Gewalt: erfolgreich selbst ausgrenzen

Eine kleine gesellschaftliche Minderheit fordert seit Jahrzehnten die Inklusion in die Mehrheitsgesellschaft. Den Mitgliedern dieser Minderheit wurde und wird oft übel mitgespielt. Immerhin hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges im Sinne eines toleranten Umgangs mit dieser Minderheit getan. Und das ist auch gut so!

Nun wurden mehr als 100 Angehörige dieser Minderheit zu Opfern eines feigen Terroranschlags: 50 wurden mit einem Sturmgewehr niedergemäht, ermordet. Mindestens weitere 50 Menschen wurden schwer verletzt. Noch ist nicht sicher, ob alle Verletzten ihre Verwundungen überleben werden.

Ein Anschlag auf alle

Der zivilisierte Teil der Mehrheitsgesellschaft reagiert mit Entsetzen, mit Abscheu, Erschütterung und Mitgefühl. Tenor: Das ist ein Anschlag auf uns alle, die Minderheit gehört zu uns, stehen wir zusammen, bieten wir dem Terror – (auch wenn wir derzeit noch nicht ganz so offen darüber reden wollen, woher der Terror kommt) – die Stirn! Auch das ist gut so.

Und jetzt wird es interessant.

Anstatt diese Zeichen der Mehrheitsgesellschaft (als mehr will ich das ja nicht mal deuten) der Zusammengehörigkeit, der Annahme, der Toleranz und des Respekts, der Menschenwürde und des Mitgefühls freudig zur Kenntnis zu nehmen und zu versuchen, diese positiven Signale in den Alltag zu übernehmen und darauf konstruktiv aufzubauen, kommen nun einzelne Schreiber aus der Szene und hauen den Gutwilligen und Mitempfindenden ein Scheunentor vor der Nase zu.

Chance vertan

Unter so kruden Schlagzeilen wie „Warum Orlando kein Angriff auf die offene Gesellschaft war“ (Süddeutsche) oder auch „Es ist nicht eure Welt, die hier zerschossen wurde“ ( Welt) tun diese Menschen alles, um die Minderheit mit allen Mitteln gegen die Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Ja, sie versteigen sich sogar zu so aberwitzigen Thesen, dass das alltägliche Leben in zivilisierten Ländern für Mitglieder der Minderheit schrecklicher sei, als nun dieser eine Terrorakt. Sie lehnen ab, sie stoßen zurück, sie verharmlosen den Terror und bauschen die alltägliche zwischenmenschliche Ablehnung auf, sie relativieren und negieren und ja – sie klagen sogar an.

Bei solchen Reaktionen aus der Szene oder von „gutmeinenden“ und solidarischen Journalisten muss sich die Minderheit nicht wundern, wenn sich selbst die Gutwilligsten irgendwann entnervt abdrehen.

*undab*

Autor: Martin Wind

 

Lasst den Tätern endlich ihre Motive

Kaum waren die Schüsse in einem Nachtclub für Homosexuelle in Orlando verhallt, kaum das body-counting abgeschlossen, schon kamen die ersten Hinweise auf eine mögliche ideologisch fundierte Motivlage des Täters. Und prompt konnte man den Eindruck bekommen, in deutschen Redaktionsstuben begannen die Köpfe zu rauchen: Wie sagen wir es den Menschen, ohne mit einem Teil der wahrscheinlichen Wahrheit das Publikum zu verunsichern? Wie lenken wir möglichst effektiv von den sich immer mehr als gegeben herauskristallisierenden Hintergründen der Tat ab?

Das Rezept ist ganz einfach: Man lässt sogenannte Experten zu Wort kommen, die in einem Redeschwall die Hintergründe immer haarscharf am eigentlichen Punkt vorbei, „analysieren“. Und so beschäftigten sich elektronische Medien in Deutschland in erster Linie mit den us-amerikanischen Waffengesetzen oder man schwadronierte lautstark und mit Entsetzen in der Stimme über die „Instrumentalisierung“ des Massakers durch den Präsidentschaftskandidaten Trump. Als würden das deutsche Politiker nicht auch tun.

Ablenken vom eigentlichen Motiv

Ein Ralf Stegner beispielsweise, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, kam über vier einleitende Worte zu Orlando gerade noch hinaus, bevor er seinem Hang zur dumpfen Polemik nachgeben musste. Seine erstes Tweet zu Orlando enthält nicht ein Wort des Mitgefühls, keinerlei Anzeichen von Empathie. Sein einziges Ziel: Ablenken von der Intention des Täters, Blick auf den „äußeren Feind“ lenken und einen Zusammenhang zwischen der Bluttat und dem verhassten Präsidentschaftskandidaten Trump herstellen.

Vorsicht und Zurückhaltung sind bei der Beurteilung einer Straftat angemessen und journalistisch. Schält sich jedoch ein Motiv und seine Hintergründe so offensichtlich heraus, wie das bei dem Anschlag in Orlando der Fall ist, dann ist es sogar Pflicht eines Journalisten, die Dinge klar beim Namen zu nennen. Da sollte es ureigenstes Anliegen eines Journalisten sein, es sollte ihm eine Frage der Ehre und der Glaubwürdigkeit sein, wahrhaftig und unumwunden zu berichten oder zu kommentieren. Gerade als Journalist, der die Öffentlichkeit in den Sozialen Netzwerken sucht, dessen Profil eine „quasioffizielle Segnung“ von facebook „verliehen“ bekam, indem die Authentizität des Autors mit einem blauen Punkt garantiert wird, gerade jemand, der erkennbar für eine Zeitung (die Welt) und einen Verlag (Springer) arbeitet und zu sprechen beansprucht. Da gibt es dann kein „privates facebookprofil“ mehr.

Dennoch entblödet Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur bei WeltN24, sich nicht, ein fragwürdiges Posting zu Orlando abzusetzen, das vermeintlich ein Motiv des Attentäters, beziehungsweise den inneren Antrieb herausarbeiten sollte. Er schreibt:

„Drag Queens (sic!) ermorden: was muss den radikalen Verlierern unser freies Leben Angst einjagen.“

Ganz abgesehen, dass bereits mehrfach belegt ist, dass ein großer Teil der Attentäter im Westen eher keine „Verlierer“ im herkömmlichen Sinne sind, so ist die Motivlage mit „Angst“ eher auch nicht reflektiert. Ich habe mich über diese – auf den ersten Blick – oberflächliche und primitiv vereinfachende Erklärung geärgert. Und aus meinem Ärger heraus habe ich Poschardt aufgefordert, klare Worte zu finden.

Mit Enzensberger Nebelkerzen werfen

Poschardt reagierte mit einem maliziösen Hinweis auf den Artikel „Der radikale Verlierer“ aus dem Jahr 2005 von Hans Magnus Enzensberger in der umstrittenen Hamburger Illustrierten „SPIEGEL“. Da wird mit 35.000 Zeichen in sich schlüssig der radikale Verlierer geschildert. Aber kann ich als Journalist eine Kenntnis dieses Textes bei den meisten Lesern voraussetzen, oder muss ich davon ausgehen, dass sie meine Worte so nehmen, wie sie geschrieben stehen – ohne den Bezug sofort zu erkennen? Und war der Mörder von Orlando einer dieser „radikalen Verlierer“, hatte er sich „isoliert“, hatte er „keinen Zugang zum Kollektiv“? Bisher scheinen die Ermittlungsergebnisse genau das Gegenteil zu belegen. Immerhin war dieser Mensch sogar schon dem FBI aufgefallen, weil er eben „Verbindungen in ein Kollektiv“ hatte. Es mag nicht das Kollektiv sein, das einem Poschardt für seine abendlichen Ausflüge ins Berliner Nachtleben vorschwebt, aber es ist ein Kollektiv. Ein Kollektiv, das Überzeugungen vermittelt, Ideologie vertieft und Hass sät. Insofern mag der Täter nach der Enzensbergerschen Definition durchaus ein „radikaler Verlierer“ sein.

Ich habe mich mit dem Versuch mich abzuwimmeln, nicht zufrieden gegeben und ihn weiterhin aufgefordert, klar Stellung zu beziehen. Denn wenn ich mich als Journalist gezwungen sehe, einen 35.000-zeichentext nutzen zu müssen, um kryptisch um die wahre Ursache eines Terroraktes herum zu reden, dann sollte ich nicht Journalist sein. Als er darauf angesprochen und aufgefordert wird, Ross und Reiter zu nennen, zieht er sich blasiert auf sein vermeintliches Herrschaftswissen zurück. Anstatt sich zu erklären, suhlte er sich in seiner vermeintlichen „intellektuellen Überlegenheit“, die er aus seiner kryptischen Zitation ableitet. Enzensberger hat einen eindrucksvollen und schlüssigen Text geschrieben. Der entbindet aber einen Journalisten nicht davon, den Kern der Sache zu benennen. Und der heißt in diesem Fall, im Fall des Terrors in Orlando, im jedem einzelnen Fall der getöteten mehr als 50 homosexuellen Mitmenschen „Hass des Islam gegenüber Homosexuellen“.

Im Islam gibt es offenen Hass gegen Homosexuelle

Es ist auch völlig unerheblich, ob der Vater des Mörders behauptet, die Terrorattacke habe „nichts mit dem Islam zu tun“, sondern sei reiner Hass auf Homosexuelle. Ein solcher „Hass“ entsteht nicht aus dem nichts. Er benötigt eine Grundlage. Er benötigt eine Erziehung, die zu so einem Hass hinführt. Der Vater will sich nach eigenen Angaben in Afghanistan um das Amt des Präsidenten bewerben und er bekennt offen seine Sympathien für die Terrororganisation der Taliban. Offen zur Schau gestellt wird Hass gegen Homosexuelle auch vom vom Islamischen Staat (IS) zu dem sich der feige Mörder bekannte.

Wenn der Islamische Staat offen zu seinem Hass auf Homosexuelle steht und das mit dem Koran begründet, wenn der Mörder sich zum Islamischen Staat bekennt, weshalb schwurbelt Poschardt dann so herum, weshalb verweigert er eine persönliche klare Positionierung und versteckt sich hinter einem Enzensberger? Hat er schlicht Angst davor, Ursache und Wirkung klar und deutlich auszusprechen? Warum lenken andere Medien so unverhohlen von der Motivlage ab und versuchen die Medienkonsumenten im Unklaren zu lassen. Der Mörder hat sich zu seinem Motiv eindeutig bekannt Da bedarf es keiner intellektuellen Verbrämung oder einer herablassenden Ursachenforschung mit soziologischen Erklärungsmustern.

Lasst den Tätern einfach ihre Motive.

Autor: Martin Wind

Überall Rassisten

Anna Diouf beklagt in ihrem Beitrag „Im Herzen blond“ den Alltagsrassismus, der ihr als Kind entgegenschlug und es immer noch tut. Aber ihr Rassismusbegriff ist zu weit gefasst und verstellt den Blick auf echten Rassismus – meint jedenfalls Felix Honekamp, disputata-Autor mit potenziellem Integrationsbedarf.
Sind Sie – wie ich – Katholik? Dann tut es mir leid, dann müssen Sie mit Beleidigungen, wie der, dass Sie Mitglied einer Kinderf…sekte sind, leben. Haben Sie ein konservatives Familienbild? Leider, leider müssen Sie dann damit leben, dass man Sie im Mittelalter verortet, Sie als homophob, eher noch als Nazi bezeichnet. Denn als Katholiken und Konservative gehören Sie zwar mittlerweile einer Minderheit an, die Aussagen sind auch sicher beleidigend gemeint, aber das fällt unter die freie Meinungsäußerung – ob sie einen Wahrheitsgehalt haben oder nicht? Müssen Sie dann erstens beweisen und ist zweitens sowieso egal: Sie stehen auf der falschen Seite!

Wer sich beleidigt fühlt, hat Recht

Was anderes ist es, wenn Sie einer medial geschützten Minderheit angehören – dann dreht sich die Beweislast plötzlich um: Das Gefühl, beleidigt, unangemessen angesprochen oder ungerecht behandelt worden zu sein, reicht. Wer – so könnte man sagen – sich beleidigt fühlt, hat Recht! Und da das im Einzelfall dann doch ein bisschen absurd daherkommt, muss dafür ein Begriff her, den man auch schnell gefunden hat: Mikroaggression! Damit sind winzige übergriffige Äußerungen in der Kommunikation gemeint, eigentlich alltägliche Äußerungen, die an die andere Person abwertende Botschaften senden, welche sich auf deren Gruppenzugehörigkeit beziehen (so definiert es Wikipedia). Ob sie beleidigend gemeint sind, ist nicht entscheidend; wichtiger ist, dass man mit ein bisschen Interpretationsaufwand daraus eine Beleidigung ableiten kann.

„Wo kommen Sie denn her?“ – Diese Frage war bis vor kurzem noch ein recht unverfänglicher Small-Talk-Einstieg. „Ach, aus Untertupfing, da hatte ich mal einen Onkel zu wohnen …“ Bei den Vertretern der Mikroaggression – also denen, die Mikroaggressionen immer und überall wittern – kann eine solche Frage aber schon eine Falle sein, nämlich dann, wenn Sie sie einem Menschen mit anderer Hautfarbe, Sprache oder Kleidung stellen. Dann unterstellen Sie nämlich vermutlich (!), dass es sich bei diesem Menschen um einen „Andersartigen“ handelt, was gleichzeitig vermutlich (!) eine gewisse Minderwertigkeit insinuiert – so jedenfalls die Theorie.

Wenn der erste Vorwurf entkräftet ist, wird weiter „gedreht“

Auf diese Weise wird derzeit versucht, die Causa Gauland/Boateng, die eigentlich eher eine Causa FAZ ist, doch noch zu einem Diskriminierungsfall umzudeuten: Denn AfD-Vize Alexander Gauland hat angedeutet, dass es sich bei Boateng um ein Beispiel „erfolgreicher Integration“ handele. Dabei ist Boateng Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters, in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen – muss sich so jemand bescheinigen lassen, er sei gut integriert? Hat man ihn oder hat er sich integrieren müssen, oder sind es – so könnte man polemisch fragen – nicht eher die völkischen Putinversteher, die nicht in Boatengs Nachbarschaft wohnen wollen, die Integrationsbedarf haben?
Mal abgesehen davon, dass im zugrunde liegenden FAZ-Gespräch die beiden Redakteure selbst den Namen Jerome Boateng als Beispiel der Integration eingeführt haben, was insofern ein Form des verkappten Rassismus dieser Redakteure darstellt: Kann es sein, dass man bei der obigen Argumentation irgendwo falsch abgebogen ist?

Der Begriff der Integration bezieht sich meist auf Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem dann, wenn die kulturellen Unterschiede deutlich zu bemerken sind. Diese Abgrenzung ist ziemlich schwammig, weil man beispielsweise die Frage stellen kann, ob sich die Problematik der Integration bei nach Deutschland einwandernden Schweizern oder Österreichern – unzweifelhaft auch Migranten – genau so stellt wie bei Menschen aus dem afrikanischen oder asiatischen Kulturraum. Genau so kann man die Frage stellen, ob denn der Begriff der „gelungenen Integration“ nicht implizit einen angenommenen vorherigen Mangel bescheinigt: Der Andere, „das Andere“ am Anderen war irgendwie defizitär, darum wurde die Integration erst notwendig.

Integration ist eine Mehr-Generationenaufgabe

Zweifellos stellt aber „das Andere“ Herausforderungen an eine ansonsten in dieser Hinsicht homogene Gemeinschaft. Die Hautfarbe sollte dabei, wenn überhaupt, nur die geringste Rolle spielen, sie gilt aber weithin als Indiz der – zunächst mal wertfreien – Andersartigkeit in Fragen der Sprache, der Religion oder des kulturellen Hintergrunds. Darf man also bei einem Menschen mit dunkler Hautfarbe und einem fremd klingenden Namen nicht vereinfachend davon ausgehen, dass es sich dabei um einen „Fall“ von Migrationshintergrund handelt? Im Großteil der Fälle wird man damit ja richtig liegen: Die Boatengs dieser Welt stammen eben in der Mehrzahl nicht aus dem Schwarzwald.

Dazu kommt, dass es gerade bei Migranten der zweiten und dritten Generation heute zu Problemen kommt, die man von ihren Eltern und Großeltern nicht kannte: Es mag durchaus mit sozialen Verwerfungen zu tun haben, die man den heute jugendlichen Deutschen zugemutet hat, deren Eltern beispielsweise türkischer Abstammung sind, die dazu führen, dass sie sich beispielsweise auf die Herkunft ihrer Vorfahren oder die islamische Religion „rückbesinnen“. Egal was aber der Grund dafür sein mag, deutlich wird dabei aber vor allem eines: Integration ist oft nicht nur eine Ein-Generationen- sondern eine Mehr-Generationen-Aufgabe. Und ich gebe zu: Eine Aufgabe ebenso der Zuziehenden wie der aufnehmenden Gesellschaft – was Stoff für ein ganz eigenes Thema gäbe.

Ein Irrtum in der Sache ist noch keine Beleidigung

Direkt eine Beleidigung oder Zurücksetzung zu unterstellen, nur weil jemand in Kenntnis des Namens und der Hautfarbe eines Fußballspielers auf einen Migrationshintergrund schließt, und aufgrund dessen Status ihn als Beispiel gelungener Integration betrachtet, ist deshalb einfach nicht sachgerecht – eher wohl ein Produkt der Pflege eines Minderheitenstatus; nicht selten von Deutschen im Bemühen, selbst nicht als Rassist zu gelten. Äußerungen wie die von Herrn Gauland oder der beiden FAZ-Redakteure in einen Zusammenhang mit wirklichen rassistischen Formulierungen zu stellen, wenn jemand zum Beispiel tatsächlich einen Menschen anderer Herkunft nicht in seiner Nachbarschaft wohnen haben möchte, führt darum die Absurdität des Konzepts der Mikroaggression vor Augen.

Ich erlebe dabei an mir selbst, dass solche Konzepte ihre Wirkung bereits entfalten: Im Rahmen der Berichterstattung Gauland/Boateng stand ich kürzlich am Kölner Hauptbahnhof neben einem offenbar – aus Hautfarbe und Kleidung geschlossen – schwarzafrikanischen Ehepaar, die sich auf Englisch unterhielten. Kurz habe ich überlegt, zu fragen, was sie denn von der ganzen Geschichte halten. Und es ging tatsächlich die Schere in meinem Kopf los: Ist es nicht ein Affront, sie anzusprechen mit keinem anderen Anlass als ihrer Hautfarbe und ihres fremdländischen Äußeren? Ein „weißes“ Ehepaar hätte ich jedenfalls nicht angesprochen, da sie vermutlich nicht betroffen wären. Was ich sagen will: Zu der natürlichen Hemmung, Menschen am Bahnhof einfach so auf politische Themen anzusprechen, gesellte sich die Hemmung, eine (Mikro) Aggression ausstrahlen zu können. Ich habe sie also nicht angesprochen, und frage mich jetzt, abgesehen von ihrer Meinung zu dem Thema, ob das nicht auch das Ergebnis ihrer Hautfarbe und insofern ebenfalls rassistisch war. Da bräuchte ich selbst ein paar Schleifen im Hirn, bis ich das für normal halten könnte.

Eine Frage kann auch schlicht ein harmloses und erhliches Interesse zeigen

Ich will damit nicht in Abrede stellen, dass es durchaus für den einzelnen Menschen nervig und anstrengend sein kann, wenn er aufgrund seiner Hautfarbe oder seiner Kleidung oder aufgrund welcher Merkmale auch immer, gefragt wird, wo er denn herkomme, ob er deutsch spreche und wie es ihm hier gefalle. Und es mag auch ärgerlich sein, dass man als in Deutschland Geborener mit eben solchen Merkmalen, dessen „Integration“ bereits vor mindestens einer Generation abgeschlossen war, trotzdem in einen Topf geworfen wird mit Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis stammen oder deren Integration sich als komplexer herausstellt. Aber kann man aus solchen Fragen nicht auch einfach ein harmloses und ehrliches Interesse herauslesen?

Dahinter direkt eine verdeckte Aggression und einen bösen Willen zu vermuten, eine – bewusste – Beleidigung daraus zu konstruieren, zeigt lediglich, dass es sich beim Konzept der Mikroaggression um einen Auswuchs der Political Correctness handelt, in deren zeitlichem Zusammenhang diese Idee auch entwickelt wurde. Ein offener Austausch über Problematiken der Migration und der Integration wird durch derartige Sprach- und Verhaltensbarrieren beinahe verunmöglicht, weil das Vokabular ausgeht, das nicht zumindest in einem Mindestmaß als beleidigend interpretiert werden kann.

Uns dürfen nicht die Worte fehlen, um Interesse am Andersseienden zu bekunden

Um es noch mal deutlich zu machen: Die Aussage, dass man einen Andersaussehenden nicht in seiner Nähe wohnen haben will, ist Rassismus. Die Frage, was es mit dem Andersaussehen auf sich hat, ist es nicht – nicht mal im Mikromaßstab! Mir ist schon klar, dass ich mich für Vertreter des Mikroaggressionskonzepts damit selbst als fieser Rassist oute, der – unbeleckt einer Ahnung, was es heißt, als Mensch mit anderer Hautfarbe in diesem Land aufzuwachsen – meint beurteilen zu können, wann dieser sich beleidigt oder angegriffen fühlen darf und wann nicht. Mit dieser Einschätzung werde ich wohl leben müssen und mich trotzdem dafür einsetzen, dass uns nicht plötzlich die Worte fehlen, um ein positives Interesse am Anderen, auch am Andersaussehenden, zu bekunden. Ein solches Interesse nicht mehr zum Ausdruck bringen zu können aus Angst, ungewollt zu beleidigen, hindert, den Anderen zu verstehen und fördert – viel mehr als unbedachte Äußerungen – den Rassismus!

Autor: Felix Honekamp

Zum Thema hat sich auch unsere Autorin Anna Diouf mit einem eigenen Beitrag zu Wort gemeldet:

Im Herzen blond

Im Herzen blond

Was ein unliebsamer Nachbar zur Causa Gauland zu sagen hat.

Ich gehöre ja zu denen, die im Bereich der AfD-Kritik gehörig auf die Bremse treten. Das ist weder politisch korrekt, noch so ganz koscher, noch besonders klug, aber es ergibt sich aus einem natürlichen Argwohn gegenüber einseitiger und skandalsüchtiger Berichterstattung. Als Querdenker in verschiedenen Bereichen habe ich so oft aus eigener Anschauung erlebt, wie falsch, verfälschend, ungenau und/ oder uninformiert Presse berichten kann, dass ich angesichts alarmistischer Machtergreifungsreminiszenzen unbeeindruckt von der AfD gleichbleibend wenig halte, aber nicht aus den Gründen, die offenbar einen Großteil der sich selbst als Intelligenzia definierenden Schicht umtreiben.

Am liebsten keine Nachbarn

Dem Aufschrei angesichts der Nachbarschaftsphilosophien des Herrn Gauland kann ich erst einmal nichts abgewinnen. Der Deutsche liebt seinen Nachbarn generell nicht. Der Nachbar, das ist der Mensch, der das Auto am falschen Tag wäscht, die Wäsche am falschen Tag aufhängt, die Hecke nicht ordentlich schneidet und das Laub des Apfelbaums mit voller Absicht regelmäßig über die Grundstücksbegrenzung in den Garten fallen lässt. Pfui. Man könnte also mit Fug und Recht sagen, dass die Leute auch einen Müller als Fußballer toll finden, aber nicht zum Nachbarn haben wollen. Am liebsten hätte man eben gar keinen Nachbarn. Jedem eine Insel.

Abgesehen von dieser zugegeben polemischen Einlassung ist es leider ein Fakt, dass eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Menschen in diesem Land anders aussehende Menschen misstrauisch beäugt und nicht in näheren Kontakt zu ihnen treten will. Diesem zermürbenden Zustand sind Millionen Menschen ab olivfarbener Haut ausgesetzt, und ich kann nur sagen: Das macht keinen Spaß. Aber wenn ein Mensch etwas sagt, das unangenehm aber zutreffend ist, dann sollte man wegen der benannten Tatsache aufschreien und nicht wegen der Benennung derselben.

Gönnerhaft und das bei besten Absichten

Nun aber wurde der Mann in die Ecke getrieben und hat sich dann doch noch als der typische deutsche Philister geoutet, wie ich sie vor allem in meiner Kindheit und Jugend verabscheuen gelernt habe. Gönnerhaft, und das bei besten Absichten. Ein Beispiel gelungener Integration, dieser Boateng.
Seit ich diese Äußerung und vor allem die Kommentare dazu wahrgenommen habe, versuche ich, sie nicht auf mich zu beziehen, und es gelingt nicht. In diesem Sinne muss ich dem Beitrag Felix Honekamps auf Klaus Kelles Blog Denken erwünscht widersprechen. Boateng ist kein Beispiel für gelungene Integration, es sei denn, man würde auch die Erfolgsgeschichte von Fritz Meier, der aus Bielefeld stammt, aber in Augustdorf groß und dort tatsächlich zu einem geschätzten Mitbürger wurde, als Ergebnis gelungener Integration begreifen. Ich würde jedem, der mich als Beispiel gelungener Integration bezeichnen würde, ohne Gewissensbisse eine selbstgebackene Schwarzwälder Kirschtorte in die Fr…, äh, Verzeihung, ins Antlitz werfen. Nun bin ich, als Mitglied einer multi-ethnischen Familie mit langweilig deutscher „Leitkultur“ , sicherlich kein typischer Repräsentant der Kinder von Ausländern in diesem Land, aber gerade im Bereich der Afro-Deutschen ist die Gruppe derer, die mit einem deutschen Elternteil tatsächlich deutscher Abstammung sind, sehr groß, und mit Boateng geht es ja gerade um diese Gruppe.

Ein Mensch, der zwischen Landshut und Kiel geboren wird, und dessen Großeltern zumindest väter- oder mütterlicherseits vielleicht tatsächlich noch zwischen Maas und Memel das Licht der Welt erblickten, der ist nicht integriert, der ist integral. Er ist so biodeutsch, wie eine rote Kartoffel nicht weniger Kartoffel ist durch ihre Färbung. Je nachdem, ob man bei der Besatzung durch die Römer, beim Einfall der Hunnen oder bei der hugenottischen Flüchtlingswelle ansetzt, haben die allermeisten Deutschen einen „Migrationshintergrund“, wenngleich ich davon ausgehe, dass die Bevölkerung des einen oder anderen Dorfes in der Eifel, in Oberbayern oder in Ostfriesland tatsächlich seit der Erschaffung der Menschen genau dort ansässig ist. Migrationshintergrund, das bedeutet praktisch, dass da etwas Fremdes (sprich: Problematisches) ist, das irgendwie „integriert“ (sprich: unschädlich gemacht, nivelliert) werden müsse. Man würde keinen Nachkommen von (weißen) Engländern oder Amerikanern als Mensch mit „Migrahu“ bezeichnen. Die Konnotation ist also eindeutig.

Nationale Idendität wird über das Aussehen definiert

Es ist ein nie versiegender Quell der Demütigung und Entnervung, dass die nationale Identität in Deutschland einzig und allein über das Aussehen definiert wird. Ich werde nie vergessen, wie niemand das Deutschsein einer rothaarigen Südafrikanerin anzweifelte, während mir erst nach wiederholten Hinweisen auf meinen Pass das Deutschsein erlaubt wurde – und auch nur unter der Einschränkung, dass ja meine Wurzeln ganz woanders lägen. Anekdote Nummer zwei: Der Deutschlehrer, bei dem es beinahe unmöglich war, eine „Eins“ zu bekommen, bei dem ich aber fast kontinuierlich eben diese Note erhielt, fragte mich, im Glauben, umsichtig zu sein, mit welchem Begriff er mich denn beschreiben dürfe – schwarz, braun, negrid, welcher Begriff sei nicht verletzend oder diskriminierend. Ich war völlig konsterniert und fragte zurück, wieso als Beschreibung nicht ausreiche, dass ich eine der besten Schülerinnen sei, die er je gehabt habe und ungeschlagen in der Gedichtinterpretation (man verzeihe das jugendliche – Selbstvertrauen). Geschehnisse dieser Art sind Legion. Es ist nicht verwunderlich, dass das Wort Wurzeln zu den meistgehassten in meinem Wortschatz gehört, und ein Gespräch, das mit der Frage nach denselben beginnt, endet regelmäßig in der Sackgasse. Denn mit „Großvater aus Westfalen, Großmutter aus Pommern“ kommt dann auch der gutmenschlichste Self-Made-Ethnologe nicht weiter.

Diesem Problem vorgelagert ist natürlich ein anderes: Was ist am Fremdsein, Ausländersein oder anders Aussehen schlecht? Die stillschweigende Unterstellung, am Ausländer an sich sei etwas defizitär, ist ja das eigentlich Beschämende.
Völlig absurd mutet diese komplexe deutsche Befindlichkeit an, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der Deutschen die gebührende Achtung und Liebe gegenüber dem Vaterland weitgehend vermissen lässt – und nein, „mögen, weil hier alles ordentlich ist und man Geld verdienen kann“, ist keine Vaterlandsliebe, sondern derselbe Grund, der einen Gutteil der derzeitigen Migranten hierher führt. Während Heine durch meine Adern floss, mein Herz in Schillerschem Blankvers pochte, und Volkslieder zu meinem täglich Brot gehörten, musste ich ständig mein Deutschsein beweisen; gegenüber Menschen, die kaum einen tiefergehenden emotionalen Bezug zu ihrer eigenen Heimat haben. Im Nachhinein ist dieser Kampf ein Segen: Wer ihn kämpfen musste, weiß seine Heimat zu schätzen und lässt sich nicht von linker Hysterie anstecken.

Die Bratwurst kann einfach nicht halal sein

Im Grunde ist diese absurde Einstellung Folge einer komplexen, von Schuldgefühlen geprägten Psychose. Wenn alles, was „deutsch“ ist, automatisch schlecht ist und mit dem Makel behaftet, von Nazis instrumentalisiert worden zu sein oder von Neonazis instrumentalisiert werden zu können, dann bleibt nicht mehr viel, worüber man sich identifizieren kann. Heiliges römisches Reich deutscher Nation? Da kommen gleich drei gefährlich braun anmutende Worte drin vor. Volk? Das Nomen zu „völkisch“, also tabu. „Geschichte“? Dazu gehören unzweifelhaft die Jahre 1933-45. In Ansätzen hat dieses notorisch schlechte Gewissen auch die Esskultur bereits erreicht. Eine gescheite Bratwurst kann eben beim besten Willen nicht halal sein, wer weiß, wann auch diese letzte Bastion deutschen Selbstverständnisses fallen wird – beim Bier gibt es ja wenigstens die alkoholfreie Alternative. Da nun alles Deutsche potenziell gefährlich ist, bleiben als legitime Identifikationsgrundlagen nur die wirtschaftliche Situation, sportliche Erfolge und eben das, was man nun einmal weder verstecken noch ändern kann, das eigene Aussehen. Ich habe aufgrund dieses Phänomens meine schwedischen Kommilitonen übrigens immer Premium-Ausländer genannt.

Etwas off-topic aber spannend in diesem Zusammenhang ist, dass diese Eigenart den durchschnittlichen Gutmenschen mindestens ebenso unerträglich macht, wie den durchschnittlichen Rassisten. Die unbelehrbare Arroganz, mit der grün wählende Mittvierziger mit fair gekauftem Seidenschal in neokolonialistischer Manier erklären, was man sei und was nicht, wo man verwurzelt sei und wo nicht, und wo man eigentlich hingehöre, lässt einen sprachlos zurück.

Wie frei sind die „Aufschreier“ von positivem Rassismus?

Mich würde brennend interessieren, wie frei die Aufschreier in der Causa Gauland von dieser deutschen Krankheit sind. Wie viele der Empörten würden wohl in „positivem“ Rassismus gerade neben einem wie Boateng ach so gerne wohnen (gut, abgesehen von der Villa und der fantastischen Wohngegend, diese Argumentation schallt einem nun auch schon von allen Seiten entgegen), und sei es nur, um zu beweisen, dass sie keine Rassisten, Nazis, Rechten, Ultrakonservativen oder was auch immer seien.

Ich mag die deutsche Nationalmannschaft– weil ich sie als ziemlich getreues Abbild der deutschen Gesellschaft empfinde (Fußball an sich gehört nicht zu meinen Leidenschaften). Da ist von jedem und allem etwas dabei und das ist bunt, schön und erfolgreich. Noch schöner wäre allerdings, wenn zum einen diejenigen, die sich als deutsch bezeichnen, auch schlicht und einfach als das, was sie sind, nämlich deutsch, anerkannt würden, und zum anderen die, die sich nicht als deutsch identifizieren können oder wollen, deshalb nicht automatisch verdächtigt würden, in irgendeiner Form zum Niedergang der Nation beitragen zu wollen – der die Meisten ja leider ohnehin nicht mehr abgewinnen können, als dass sie hier eine materialistische Gesellschaftsordnung und viel Geld vorfinden.

Autor: Anna Diouf

Zum Thema hat sich auch unser Autor Felix Honekamp mit einem eigenen Beitrag zu Wort gemeldet:

Überall Rassisten