Das Kreuz mit der Feindesliebe

„Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen. (…)auf den Hass nicht mit Hass zu antworten, das ist die Herausforderung.“ So Margot Käßmann in einem heiß diskutierten Interview mit der Bild am Sonntag.

Sie hat Recht. Zumindest aus christlich-abendländischer Perspektive sind Gebet und Liebe die Rezepte schlechthin gegen Hass, Gewalt und generell gegen alles Böse. Als Christ ist man zur Feindesliebe explizit und „alternativlos“ aufgefordert und kann sich dem nicht entziehen. Aber auch aus nicht christlicher Perspektive ist diese Haltung nachvollziehbar, denn Hass kann niemals Liebe oder Frieden schaffen, sondern nur wiederum Hass vermehren.

Allerdings hat die Sache gleich mehrere gravierende Haken:

Zum einen ist eine Handlung, die nicht aus Liebe erfolgt, nicht zwangsläufig „hasserfüllt“. Frau Käßmann behauptet indirekt, es gäbe nur diese beiden Optionen. Nun kann man sehr wohl auch Gewalt ausüben, ohne zu „hassen“ – etwa, wenn man sich aus Notwehr einem Menschen widersetzt, gegen den man an sich keinen Hass hegt.

Ein weiterer Schwachpunkt der Argumentation ist die nebulöse Verwendung des Wortes „Liebe“. Was ist denn Liebe?

Liebe kann nicht bedeuten, schädliches Handeln zu dulden

Wenn Liebe hier eine Chiffre für „die Hände in den Schoß legen und abwarten“ sein soll, dann ist der Aufruf, Terroristen zu lieben, schlicht verfehlt. Liebe bedeutet, jemandem mit Wohlwollen zu begegnen und tätig zu seinem Wohlergehen beizutragen. Ist es aber dem Seelenheil, der psychischen Gesundheit oder der persönlichen Entfaltung eines Terroristen förderlich, wenn er Menschen umbringt? Kann Liebe darin bestehen, solches Verhalten nicht zu verhindern? Liebe kann nicht bedeuten, jemanden gewähren zu lassen, wenn das, was er tut, anderen schadet und ihn letztlich selbst ins Verderben führt.

Sodann stellt sich die Frage, wo bei Frau Käßmanns Haltung die Nächstenliebe ihren Platz hat, immerhin neben der Gottesliebe das höchste Gebot: Ist denn nur der Terrorist mein Nächster? Haben wir keine Verantwortung gegenüber unseren Kindern? Welche Liebe erzeigen wir ihnen, wenn wir Terroristen schalten und walten lassen? Welchen Dienst erweisen wir Flüchtlingen, wenn man ihre Peiniger ihr Werk hier vollenden lässt? Was ist mit den tatsächlichen Opfern des Terrors? Haben sie keinen Anspruch auf Hilfe, Wohlwollen, Unterstützung? Wenn wir den Verfolgten und den Opfern von Gewalt die Hilfe versagen, dann versagen wir ihnen die Liebe.

Die Opfer werden ignoriert

Dies scheint Frau Käßmann in Kauf nehmen zu wollen, schließlich ist das die bequemste Variante– denn welche Lobby haben die Opfer von Gewalt und Terror? Es ist weit angenehmer, den Zerschlagenen, den, der ohnehin schon zu Boden getreten wird, zu ignorieren. Niemand blickt gerne ins Angesicht eines Opfers und wird darin mit der eigenen Hilflosigkeit und Verantwortung konfrontiert. Im Kampf gegen den Terror müsste man sich die Hände schmutzig machen, unterlassene Hilfe gegenüber den Leidtragenden wird dagegen nur „indirekt“ wahrgenommen und kann leicht verdrängt werden. Nichts liegt also näher, als mit dem Hinweis auf die Worte Jesu oder auf soziologische Selbstverständlichkeiten die Notleidenden ihrem Schicksal zu überlassen, nichts zu tun und diese Untätigkeit religiös zu verbrämen. Damit gibt man sich auch noch dem guten Gefühl der ethischen Überlegenheit hin, wobei einem selbst natürlich absolut nichts abgefordert wird:

Feindesliebe ist ja letztlich keine kollektive, sondern eine persönliche Haltung. Wären wir selbst die unmittelbaren Opfer der Gewalt, so könnte Frau Käßmann an sich und uns den Anspruch stellen, uns abschlachten zu lassen und den Mord an unseren Verwandten und Freunden zu vergeben. Entgegen aller pathetischen Beschwörungen des europäischen „Wir“ sind wir aber nicht „alle“ getroffen, sondern konkret die, die tatsächlich von Islamisten drangsaliert und ermordet wurden und werden. „Wir“ erfreuen uns (noch) bester Gesundheit und sind lediglich einer diffusen Bedrohung ausgesetzt, nicht aber roher Gewalt. Insofern haben wir gut reden, wenn wir eine völlig abstrakte und wirkungslose „Feindesliebe“ einfordern.

Es ist außerdem fahrlässig, zu unterschlagen, dass der Gewaltverzicht Martyrium bedeutet. Es geht hier also nicht um „make love not war“, als ob die Terroristen, von der Liebe überwältigt, uns verschonen würden. Auf lange Sicht lassen Gewaltverzicht und Liebe das Gute siegen – das Wachstum der Kirche in den ersten Jahrhunderten trotz (oder wegen) schwerster Verfolgung legt beredtes, eindrucksvolles Zeugnis davon ab. Aber uns würde eine solche Haltung Standhaftigkeit und Treue buchstäblich „bis in den Tod“ abverlangen. Während sich „den Feind lieben“ romantisch, ethisch anspruchsvoll, pazifistisch und einfach schön anhört, ist die Aussicht, hingemetzelt zu werden weniger attraktiv, weshalb diese Folge der Gewaltlosigkeit bei Frau Käßmann auch nur am Rande zur Sprache kommt.

Naiver Pazifismus

Wir befinden uns in einer komplexen Situation, die nur noch schwer zu überblicken ist. Wer immer sich ein moralisches Urteil über frühere Generationen erlaubt hat, mag nun selbst nachempfinden, was es bedeutet, zwischen allesamt nicht wünschenswerten Alternativen wählen zu sollen. Schlichter, naiver Pazifismus – oder besser: als Pazifismus getarnter Egoismus – wie ihn Frau Käßmann postuliert, kann aber in keinem Fall das Gebot der Stunde sein.

Autor: Anna Diouf

Einfach mal innehalten

„Alles fließt“, heißt es bei den alten Griechen, und so wahr diese Feststellung ist, es ist heilsam und notwendig, zwischendurch einmal innezuhalten und sich zu fragen, was man eigentlich tut, wieso man es tut, und wie man weiter vorgehen sollte.

In den Interviews am Wahlabend in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt formulierten die Protagonisten zwar fast durchgehend den Anspruch, genau dieses nun tun zu wollen, in den konkreten Äußerungen wurde aber deutlich, dass man im Grunde genau da weitermachen will, wo man aufgehört hat. Leider ließen sich die Zahlen der Meinungsforscher zu diesem Zweck nur mittelmäßig gut gebrauchen:

Es ist peinlich, wenn Politiker behaupten, AfD-Wähler seien die „verunsicherten“ Bürger (haben sich die Parteistrategen von SPD, Grünen, Linken und CDU eigentlich einmal getroffen, um in einem Geheimprotokoll ihre Sprachregelung abzugleichen?), die Hartz IV-Empfänger und sozial Schwachen, wenn kurz darauf eine Statistik das genaue Gegenteil belegt und aufzeigt, dass sowohl in der Altersverteilung als auch die soziale Schicht betreffend die AfD ein Sammelbecken und breit aufgestellt ist? Mein persönlicher Held des Abends ist übrigens Jörg Schönenborn, der das Rechtspopulismus-Mantra wiederholt ad absurdum führte, und zwar mit wohltuend klaren Erläuterungen zu den Statistiken, die er vorstellte. Dies ist natürlich mit der Einschränkung zu versehen, dass man ohnehin nur der Statistik glauben sollte, die man selbst gefälscht hat – Statistiken kreieren eher Realität, als dass sie sie abbilden. Bevor also der sozial schwache Protestwähler heraufbeschworen und Wählerschelte betrieben wird, wäre es angebracht, das tatsächliche Wahlverhalten zu berücksichtigen und nicht nur stereotype Vermutungen.

Das Volk ist nicht dumm – trotz rot-grüner Bildungspolitik

Auch die verbale Front ist nicht neu. Man werde mit allen „demokratischen Parteien“ reden und zählte sie dann auf – bloß die AfD blieb außen vor. Die Botschaft: „Wir“, die „etablierten“ Parteien, sind die Garanten der Demokratie, die AfD dagegen ist nicht demokratisch. Worin genau, frage ich mich als Unbeteiligte, hat die AFD sich als dezidiert undemokratisch erwiesen? Trotz rot-grüner Bildungspolitik ist das deutsche Volk noch nicht durchgehend so verdummt, dass es leicht durchschaubare rhetorische Winkelzüge nicht erkennen würde – und wenn diese Art der Konfrontation die Bürger in Scharen zur AfD getrieben hat, ist es dann sinnvoll, anzunehmen, ein Mehr dieser verbalen Strategie könne den Trend umkehren? Innehalten, nachdenken, Kurskorrektur, das wäre mein bescheidener Ansatz.

Ein Politiker mit Rückgrat, der tatsächlich von der inhaltlichen Leere des Parteiprogramms der AfD überzeugt ist, könnte sich doch zurücklehnen: Mit derartigem Gewicht in den Landtagen muss die Partei nun Farbe bekennen. Blau oder braun? Inhaltliches Profil oder Protest gegen alles? Praktikable Lösungen oder ideologisches Gewäsch? Die AfD kann, darf und muss jetzt zeigen, dass sie mehr zu bieten hat als nur ein Ventil für Frust. Statt einer ruhigen, fairen Analyse ergehen sich die Politiker von schwarz bis grün in Warnungen, Distopien, im Schüren von Ängsten und in der Abwertung des Wahlverhaltens der Menschen in diesem Land.

„Politik“ wirkt inzwischen wie Gebietskämpfe

In dieser Diktion stellen sich die etablierten Parteien leider in einem sehr unrühmlichen Licht da: Sie sehen aus wie Potentaten, die sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen wollen und ihre Diäten nicht mit einer weiteren Partei teilen wollen. Sie beklagen sich darüber, dass sich die politische Landschaft verändert habe und damit strafen sie ihre eigene demokratische Grundhaltung Lügen: Der Volkswille ist gut, solange er die Ergebnisse liefert, die die etablierten Parteien in ihren Machtpositionen festigt. Das Ganze hat mehr von Gebietskämpfen von Clans in der Bronx, die sich gegen einen Neuankömmling zusammenrotten, als von demokratischer Auseinandersetzung. Dass man in einem demokratischen Land für derartiges Verhalten eine Quittung bekommt, die es in sich hat, sollte niemanden wundern.

Es erfüllt den Beobachter mit Staunen, dass die deutlichste Botschaft des Wahlabends nicht durchgedrungen ist: Ihr habt diffamiert und ignoriert, und ein Wahlvolk mit Gerechtigkeitsempfinden und der dumpfen Vermutung, dass es hinters Licht geführt werden soll von Politikern, die den Satz „Dem deutschen Volke“ für veraltet und nicht verbindlich halten, hat sich für den Underdog entschieden. Das Verhalten der „Etablierten“ hat, exakt so, wie es warnende Stimmen aus dem konservativen Lager seit Monaten haben verlauten lassen, die AfD glaubwürdig gemacht – ebenso wie tätliche Angriffe auf ihre Mitglieder oder deren Besitz. Den Wahlkampf für die AfD haben ihre entschiedensten Gegner am leidenschaftlichsten und uneinsichtigsten geführt und es sieht nicht so aus, als hätte Selbstkritik hier Hochkonjunktur. Ein sichtlich unbeeindruckter Andreas Scheuer ließ in der „Berliner Runde“ lapidar verlauten, dass die AfD in Bayern unter 10% der Stimmen liege. Sollten diese Zahlen sich bestätigen, dann bliebe die CSU nicht nur dem Straußschen Auftrag treu, dass es rechts von ihr keine demokratisch legitimierte Partei geben solle, es würde auch deutlich, dass die Positionen der AfD bundesweit schlicht und einfach das Vakuum füllen, das der CDU anzulasten ist auf der Jagd nach den Stimmen junger Städter, integrationswilliger Migranten und moderner Frauen, nicht eingedenk der Tatsache, dass auch diese Bevölkerungsschichten von der Realität eingeholt werden, wenn sich gesamtgesellschaftlicher Konsens in Parallelgesellschaften auflöst.

Hitlervergleiche waren mal verpönt

Im Netz findet die Strategie der Verteufelung weiter Anklang – es wird aufgefahren, was die Geschichte an Analogien zur NSDAP zu bieten hat. Mit Wehmut erinnert man sich an Zeiten zurück, in denen Hitlervergleiche verpönt waren und mit allgemeiner Verachtung abgestraft wurden. Diese Zeiten sind vorbei. Hysterie ist eine gute Taktik, um sich selbst von einem verantwortlichen Diskurs auszuschließen – wie könnte man sachlich diskutieren, wenn doch 1938 sozusagen vor der Tür steht?

Ob das allerdings so ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Vom tatsächlichen „Wesen“ der AfD, das wir nun zum ersten Mal im politischen Alltag erleben werden. Und von der Effektivität mit der die angeschlagenen Parteien ihre Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Vorzugsweise durch Inhalte, die weniger Ideologie und mehr am Wohl der Menschen orientierte Realpolitik propagieren (und vor allem auch umsetzen), durch Politik die die linkslastige Rhetorik korrigiert, damit sich der durchschnittliche Deutsche da wiederfindet, wo er sich selbst gerne verorten würde, nämlich in der Mitte.

Wer der AfD effektiv begegnen will, muss die Taktik ändern

Wenn man aus den Wahlen auch nur das Geringste gelernt hat, wird man die AfD nun einbeziehen. Denn einen größeren Erfolg als den des Wahlabends wird diese Partei nur verbuchen können, wenn man sie jetzt ein paar Jahre lang erfolglos aber wacker gegen politische Entscheidungen am Volk vorbei protestieren lässt und sie damit in der Rolle des zu Unrecht verurteilten Bad Boys bestätigt. Jetzt wird sich in konkreter Politik erweisen, ob die AfD undemokratisch, ausländerfeindlich oder totalitaristisch ist. Jetzt wird sich herausstellen, ob die Einheitsfront gegen die AFD einfach nur erfolglos versucht hat, zwecks Machterhalt Ängste zu schüren, oder ob tatsächlich die Demokratie den Bürgern nichts mehr wert ist. Man muss diese Partei nun gelassen aber aufmerksam und scharf beobachten und durch Besonnenheit einer populistischen Aufheizung der Stimmung entgegenwirken. Hoffen wir, dass die Sorge um liebgewonnene Pfründe und ideologische Borniertheit diese politische Pflicht nicht überlagern.

Autor: Anna Diouf

Europa treibt es bunt

Ja, die Aufregung ist berechtigt, aber wie in Deutschland üblich, regt man sich nicht über das tatsächlich zu beklagende Übel auf.

Wenn die BZgA in Zusammenarbeit mit der WHO mit deutschen Steuergeldern eine Seite aufbaut, die Migranten über Sexualität und damit verbundene Lebensbereiche „aufklären“ soll bezüglich der Sachverhalte, die sich unter Umständen stark von den Gegebenheiten im Heimatland unterscheiden, wäre das ja löblich. Es ist sicher sinnvoll, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu erklären, dass es bei uns keine Polygamie gibt, dass die Ehe mit Minderjährigen verboten ist, dass man als Homosexueller hier nicht gesteinigt werden darf, wo man Beratung bekommt, wenn man schwanger ist und wo Hilfe, wenn man sich mit einer Krankheit infiziert hat.

Peinlich platt und antiquiert

Diese Dinge kommen zur Sprache – vor allem aber wird auf einfach nur peinlich platte und irgendwie auch antiquierte Weise das erklärt, was sich jeder denken kann: rein – raus, ja, so funktioniert das mit den Bienchen und den Blümchen, sicher eine Neuigkeit, die den unbele – äh – unwissenden Einwanderern sicher noch nicht klar war; und auf die Idee, dass „Rhythmus und Intensität (zu) variieren“ zum Vergnügen beiträgt, kommt sicher kaum jemandem in den Sinn, der nicht einen deutschen Hochschulabschluss vorweisen kann.

An sich ist allerdings auch diese naive, dümmlich pädagogische Art nichts Neues. Sie verfolgt uns in Form der Kuschelpädagogik mit Stuhlkreisen, gestalteten Mitten und einer das selbstständige Denken erstickenden Fürsorge, konzipiert von Frauen, die mangels Kinderschar ihre Mütterlichkeit auf die ganze Menschheit ausdehnen und einfach alle zwangsbeglucken wollen.

Teile der Aufregung und Empörung sind falsch intendiert

Nun offenbaren viele Schlagzeilen und Kommentare zu Zanzu.de ziemlich stereotype, um nicht zu sagen rassistische Denkmuster. Der (schwarze) Einwanderer mit der angeblich unstillbaren Libido soll bloß von unseren blonden weißen Frauen fernbleiben. Kann es ernsthaft sein, dass man sich über diese Kampagne aufregt, weil sie Sex zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zeigt? Dementsprechend wird auch von den zahlreichen, zum Teil sehr expliziten, aber immer irgendwie albern wirkenden Zeichnungen eine gewählt, die einen nackten dunkelhäutigen Mann auf einer blonden weißen Frau in eindeutiger Pose darstellt. Was daran nun skandalös sein soll, erschließt sich mir partout nicht– Die Nürnberger Rassegesetze sind schließlich schon eine Weile passé. Wer es wagt, die Seite selbst zu besuchen (ein gefährliches Unterfangen, wenn man sich nicht mit Humor und Abgeklärtheit wappnet), wird außerdem feststellen, dass die Initiatoren in Fragen der diversity mit allen Wassern gewaschen sind. Da treiben’s alle fröhlich miteinander, in allen denkbaren Kombinationen. Dünn, dick, schwul, trans, alt, hell, dunkel. Wenn, dann sind Asiaten unterrepräsentiert, aber die beschweren sich ja auch normalerweise nie, sind zurückhaltend und anständig, die kann man ruhig ein wenig übergehen …

Der allgemeine Tenor der Kritiker ist der, dass hier ja sozusagen eine „Anleitung“ gegeben werde, sich trotz Grenzschließungen freizügig zu geben. Richtig ist: Die Seite offenbart einen eklatanten Mangel an Einfühlungsvermögen in kulturelle Welten, die Westeuropas Schamlosigkeit nicht kennen. Dies könnte tatsächlich zu Missverständnissen führen, wenn die Seite inflationär besucht würde, was ich angesichts des infantilen Designs bezweifle – auch Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge möchten gerne als denkende Menschen ernstgenommen werden. Wer aus einem Land kommt, in dem man nicht so direkt über Sexualität spricht, sei es aus gebotener oder übertriebener Zurückhaltung, wird angesichts dieses Internetauftritts die moralische Integrität Deutschlands anzweifeln. Wer aus solch einem Land stammt, aber eher in westlicher Denkweise verwurzelt ist, wird sich dagegen ganz einfach totlachen angesichts der rührenden Bemühungen, Einwanderern den Zugang zur Geschlechtlichkeit zu erleichtern – ob „die“ das übrigens überhaupt wollen, wird natürlich gemäß tradierter kulturimperialistischer Prinzipien gar nicht erst gefragt.

Sex ohne Verantwortung wird propagiert

Eigentlich aber zeigt diese Internetseite ein viel gravierenderes Problem als kulturellen Sprengstoff in Sachen Sex: Wir lernen beim Browsen durch die Einträge, dass die deutsche Gesellschaft in egoistisch-hedonistischer Manier sexualisiert ist – bei konsequenter Verkürzung des Begriffes „Sexualität“ auf „Sex“. Alles ist okay, alles, was Spaß macht, ist nicht nur erlaubt, sondern auch gut. Nach der Maxime „Nimm ein Kondom und tu, was immer du willst“, scheint die einzige Verantwortung, die man uns zumutet, die der Verhütung zu sein. Sämtliche Dimensionen der Sexualität abgesehen von der körperlichen werden auf inakzeptable Weise verkürzt. Vom „Verliebt sein“ etwa hat jeder normal entwickelte Fünfjährige ein elaborierteres Konzept als das hier dargelegte. Selbstverständlichkeiten wie die „Freiwilligkeit“ nehmen dagegen so viel Raum ein, dass man den Eindruck nicht los wird, die Autorinnen der Seite hielten Migranten für gewissenlose Wilde, die zwischen richtig und falsch nicht unterscheiden könnten ohne die gönnerhafte Hilfe von Europäer*Innen.

Während eindeutig der Anspruch besteht, nicht nur über medizinische Fakten aufzuklären, sondern auch „wertend“ ein bestimmtes Modell für das eigene Sexualleben zu propagieren, mangelt es an tatsächlichen Werten. Es gibt kein moralisches oder ethisches Gerüst, das plausibel machen würde, ob oder wieso nun dieses oder jenes gut ist. Aufschlussreich ist etwa folgende Erklärunge zum Thema Pornografie: „Es ist in Ordnung, wenn Sie Pornografie mögen. Viele Menschen mögen sie, andere nicht.“ Dass die dargestellten Handlungen negativen Einfluss auf die Psyche des Konsumenten von Pornografie haben – geschenkt. Dass dahinter eine menschenverachtende Industrie steckt, die Menschen ausbeutet – unwichtig. Die Frage ist also nicht, ob man Migranten Informationen zum Thema Sexualität vermitteln sollte, sondern, ob die bezüglich des Themas vermittelten „Werte“ wirklich die sind, die wir als Bürger dieses Landes wollen.

Negative Aspekte eines verantwortunglosen Sex´ werden verharmlost

Es versteht sich von selbst, dass da, wo die Ideologie eine bestimmte Position vorgibt, auch munter Fakten unterschlagen werden. Nehmen wir etwa den Eintrag zum Schwangerschaftsabbruch: Bei „Abtreibung“ als Suchwort wird überhaupt nichts angezeigt – sehr nah an der Lebensrealität der Menschen. Nach den Worten „Embryo“, „Fötus“ oder gar „Baby/Kind“ sucht man vergeblich. „Ein Schwangerschaftsabbruch ist ein medizinischer Eingriff, den eine Ärztin/ein Arzt an Ihnen macht, um Ihre Schwangerschaft zu beenden.“ Aha. Liest man weiter, wird man darüber informiert, dass der Arzt die Innenseite der Gebärmutter „reinigt“. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass hier menschliches Leben zerstört wird, kein Wort darüber, dass ein Kind heranwächst, kein Wort zum schweren psychischen Konflikt, dem eine Frau in einer solchen Situation ausgesetzt ist, und natürlich kein Wort zu den möglichen schwerwiegenden psychischen und körperlichen Folgen.

Nun könnte man sagen, die Homepage sei bewusst einfach gestaltet und könne nicht kontrovers informieren. Dagegen sollte man einwenden, dass es dann doch wohl zielführender sei, angesichts eines derart komplexen Themas, Broschüren herauszugeben, die sich den Themengebieten tatsächlich angemessen widmen. Meinetwegen soll jeder Migrant einen Rechtsanspruch auf ein Abonnement der „Bravo“ erhalten, jedenfalls würde selbst die eine deutlich bessere Informationsquelle darstellen. Wenn es hier nämlich auch tatsächlich um gesundheitliche Aspekte gehen soll, wie etwa die Eindämmung von Geschlechtskrankheiten, wären weniger drastische Darstellungen und mehr handfeste Information die zielgerichtetere Lösung. Ein zweiter Einwand ist, dass an anderer Stelle sehr wohl Kompliziertes erklärt wird; und zwar vermutlich völlig unverständlich für einen Menschen, der tatsächlich keine Ahnung hat. Der Unterschied zwischen Geschlecht und „Geschlechtsidentität“ wird jedenfalls einem Analphabeten aus Anatolisch-Hintertupfingen schwer zu vermitteln sein.

Der Mensch wird als lustgesteuerter und willenloser Konsument dargestellt

Zanzu legt ganz nebenbei offen, dass die europäische Politik – und nicht nur die – im Bereich der Sexualität, und damit in einem zentralen Aspekt menschlichen Lebens, der ja die Familie und damit die Gesellschaft im Innersten betrifft, einer Agenda folgt, die mit europäischen Grundwerten nicht vereinbar ist. Es erklärt nicht, wie Sex in Europa funktioniert, es erklärt, wie von Sinn, Bedeutung und Verantwortung befreiter Sex in Europa funktioniert. Es erklärt, wie eine Minderheit in Politik und Gesellschaft europäischen Sex gerne hätte. Dies ist Teil einer Agenda, die die Gesellschaft destabilisiert und die Menschen zu lustgesteuerten, willenlosen Konsumenten machen will – durch Genderideologie, Frühsexualisierung und jetzt eben auch durch die Bemühungen, den Migranten mit zumindest zum Teil intakten Wertegerüsten diese wegzunehmen.

Das Fehlen eines Wertefundaments, das Migranten vermittelt werden kann, wird nicht aufgefangen durch gutgemeinte und schlecht gemachte Internetseiten, die erklären, in welchen Stellungen man miteinander schlafen kann. Wenn wir uns also über dieses steuergeldfinanzierte Übel aufregen, dann doch bitte aus dem richtigen Grund: Nicht, weil es Menschen mit erkennbarem Migrationshintergrund beim Sex mit Menschen mit nicht erkennbarem Migrationshintergrund zeigt. Nicht, weil es sich bemüht, deutsches Sexualleben anderen Kulturen zugänglich zu machen. Sondern, weil das, was man uns hier demonstriert, nicht in eine Gesellschaft führt, in der Menschen verantwortungs-, liebe- und würdevoll miteinander leben – das aber sollte doch das gemeinsame Ziel sein.

Es gibt immerhin einen guten An-Satz auf der Seite

Übrigens will ich mir nicht nachsagen lassen, ich sei destruktiv und würde an der Initiative kein gutes Haar lassen: Unter dem Stichwort „Sex“ benennt Zanzu als ersten Grund, wieso Menschen Sex haben möchten, den Kinderwunsch. Nun, das ist doch ein hoffnungsvoller Ansatz. Die BZgA sollte die Seite einstampfen und um diesen Satz herum eine Neuauflage erwägen. Dafür stelle ich meine Steuern gern zur Verfügung.

Autor: Anna Diouf

Umdeutung: Kulturkritik wird zum Rassismus

Der Rechtsruck des Bürgertums scheint nicht aufzuhalten. Gefährliche Machenschaften rechtspopulistischer Kreise verführen es zu immer radikaleren Positionen. Wer es nicht glauben mochte, dem wurde es dieser Tage in – wie könnte es anders sein – Köln bewiesen: Der iranische Cembalist Mahan Esfahani spielt ein modernes Stück, wird ausgebuht, kann das Stück nicht zu Ende bringen. Und als er das Publikum fragt, wieso es so reagiert, ruft man ihm zu, er solle „gefälligst deutsch“ sprechen – so berichten zumindest einige Medien. Das passiert, wenn das Bürgertum entfesselt wird. Grauenhaft. Die Rezeption des Vorfalls in der Kölner Philharmonie lässt mich an Bruno Labbadia denken: Muss man wirklich alles „hochsterilisieren“?

Zu Beginn wird der Vorfall recht neutral beschrieben. Das Stück von Steve Reich beginnt – nun wirklich nicht Inbegriff zeitgenössischer Musik: Es wird weder geröchelt, noch gestöhnt, noch das Instrument präpariert. Geradezu altmodisch könnte man es nennen. Raunen geht durch den Saal, Menschen stehen auf und gehen, es kommt zu Buhrufen, schließlich zu tumultartigem Lärm. Na und? Offensichtlich noch nicht angekommen im Zeitalter der Polarisierung, verstehe ich nicht einmal das Problem. Auf Deutschlands Bühnen werden Stücke bis zur Unkenntlichkeit massakriert, um Buhrufe zu provozieren. Man wirft mit Fäkalien und jeglichen denkbaren Körperflüssigkeiten um sich, um wenigstens ein Skandälchen hervorzurufen – mehr ist heute nicht mehr drin, denn es hat eben alles schon einmal gegeben. Ja, mein erster Gedanke ist sogar „Ach, ich hätte gar nicht gedacht, dass man in Deutschland zu südländischem Temperament fähig ist“. Völlig naiv in Zeiten von AfD und Co., wird man mir zurufen, und das zu Recht.

Man soll meinen, die Fratze des Rechtspopulismus zeige sich

Denn von Tag zu Tag wird die Berichterstattung dramatischer. Zu guter Letzt heißt es, man habe dem Cembalisten „Sprich gefälligst deutsch!“ zugerufen, als er eine kurze englische Einführung zu dem Stück gegeben habe. Diese Version ist etwa in der Welt nachzulesen. Und da haben wir’s. Die Pegidisierung des Bürgertums in Reinkultur. Im heiligen biedermeierlichen sonntäglichen Konzert zeigt sich die Fratze des Rechtspopulismus in der Diffamierung eines Künstlers. Und wir erinnern uns natürlich an 1933, 1936, 1938, oder was auch immer, Hauptsache etwas mit „Dreißig“ – oder was ist mit „ungute Erinnerungen“ gemeint?

Bloß – Esfahani berichtet keineswegs über irgendeine rassistische Konnotation. Vielmehr scheint er, zumindest kurz nach dem Konzert, meine naive Ansicht zu teilen. Auf Facebook lässt er verlauten: „I should say that this was one of the most thrilling experiences of recent life for me. And it’s exactly what I want for this instrument, to get rid of this idea that music is just an objective lovely thing after morning coffee. I’m pretty sure this is the first time a harpsichord concert has occasioned riot-like conditions. Awesome.“ – „Ich muss sagen, dass das eine der aufregendsten Erfahrungen meines Lebens war in der letzten Zeit. Und es ist genau das, was ich für dieses Instrument will, dass man sich von der Einstellung löst, dass Musik einfach nur eine nette Sache nach dem Kaffeetrinken ist.“ Nun, das hat er erreicht.

Natürlich nutzte er die Gelegenheit, um die Menschen daran zu erinnern, dass er aus einem Land stammt, in dem sehr viel weniger Freiheit herrscht als in Deutschland, im Leben wie in der Kunst. Das sollte man als Deutscher tatsächlich zu schätzen wissen und ich nehme an, viele Künstler hätten dem Publikum Ähnliches zu vermitteln versucht.

Nach drei Tagen fällt dem Musiker eine Fremdenfeindliche Komponente auf

Auch offenbart, dass es sich um die Ablehnung der Musik (warum auch immer) gehandelt hat.
Doch eine Meinung kann sich ändern – einige Tage später, im Interview mit dem NDR, fällt Esfahani plötzlich die fremdenfeindliche Komponente auf. Das ist nicht besonders glaubwürdig, wenn man die Facebookreaktion und das ausführliche Interview mit Slipped Disc vom 29. Februar liest. Als Mensch, der selbst häufig genug mit Rassismus zu tun hat, weiß ich, dass Rassismus sofort verletzt. Nicht erst drei Tage später. Ein weiteres Argument dagegen ist, dass es bei rassistisch motivierter Ablehnung wohl auch die barocken Stücke getroffen hätte – vor dem Stück von Reich sei die Stimmung aber gut gewesen, bemerkt u.a. der Geschäftsführer von concerto Köln. Doch ein iranischer Cembalist, der wegen seiner Herkunft ausgebuht wird, ist medienwirksamer als einer, der wegen Steve Reich ausgebuht wird. Das ist mir klar, und das wird auch Herrn Esfahani klar sein. Die Interviews, die einen Richtungswechsel in der Bewertung zeigen, datieren vom 2. März – genug Zeit, um festzustellen, dass die deutschen Medien empört reagiert haben und dass in den sozialen Netzwerken ein alarmistisches Statement nach dem anderen erscheint. Da ist der eher euphorische Ton des Facebookposts schnell ersetzt durch reflektiertes Opfertum.

Auch beim Konzert anwesende Musiker verwahren sich gegen eine Darstellung, die Esfahani als Opfer einer fremdenfeindlichen Attacke sieht. Zwar sei ein sehr hoher, störender Geräuschpegel wahrnehmbar gewesen, lautes Murmeln, und zweimal sei Klatschen losgebrochen – sie betonen aber, der Satz „Sprich deutsch“ sei nicht an Esfahani gerichtet gewesen, sondern an den Zuschauer, der den Konzertmeister um das Mikrophon gebeten habe um sich zu entschuldigen. Also eine saloppe Art, zu sagen, dass man den Mann ob seiner Undeutlichkeit nicht verstehe. Fast alle Berichte verlegen aber diese Episode (die Esfahani in seinen ersten Äußerungen gar nicht erwähnt!) bereits auf Esfahanis Einführung in das Stück, so dass sich dann eindeutig eine fremdenfeindliche Komponente ergibt. Selbst was den heroischen Bürger angeht, der das Mikrophon ergriff, kocht die Welt ihr eigenes, mit seltsamen Gewürzen abgeschmecktes Süppchen: Anstatt den für einen Deutschen nun wirklich beherzten Widerstand gegen Borniertheit zu würdigen, nach einem Konzert in einem großen Saal das Mikrophon zu erbitten um sich zu entschuldigen, kommentiert Manuel Brug: „Hinterher freilich ergriff ein Hamburger Besucher das Mikro und entschuldigte sich so wortreich wie beifällig für die Rüpelei.“ Blasiert-süffisanter geht es wohl kaum.

Publikum war auch schon vor „PEGIDA“ zuweilen ein Monster

Natürlich müssen wir diskutieren über „Neue“ Musik, über Hörgewohnheiten und Hörbequemlichkeiten. Natürlich müssen wir immer wieder austarieren, wie viel Entertainment in die Musik gehört und wie viel Provokation. Ich möchte nicht behaupten, dass die lautstarke Ablehnung von minimal music für die Expertise des Publikums spricht. Abgesehen von der Respektlosigkeit, die Darbietung lautstark zu stören. Allerdings war das Publikum auch in Zeiten vor Pegida zuweilen ein Monster – Horrorgeschichten über ausgepfiffene Diven an italienischen Opernhäusern sind Legion, ebenso vernichtende Kritiken über Stücke, die wir heute als Inbegriff der Schönheit und Erhabenheit empfinden, und nicht zu vergessen die legendären Prügeleien angesichts der Uraufführung des „Sacre du Printemps“: Kunst polarisiert und nicht wenige Künstler gehen an ihre Grenzen, um dem domestizierten Publikum von heute Reaktionen zu entringen.

Aber nur eine aufgescheuchte, paranoide Presse kann aus solch einem Vorfall den Untergang des Abendlandes durch sein Bürgertum konstruieren. Eine solche Überreaktion etwa lässt sich im Cicero nachlesen. Auch hier wird fremdenfeindliches Verhalten mit kulturfeindlichem gleichgesetzt und mündet doch allen Ernstes in einen Lobpreis des deutschen Kulturbetriebs: „Es erfordert Mut und Beharrlichkeit seitens der Intendanten und künstlerischen Leiter, diesem Publikum moderne Komponisten, die tradierte Hörgewohnheiten radikal in Frage stellen, oder historische Außenseiter wie Arnold Schönberg „zuzumuten“.“

Nein. Das erfordert keinen Mut, jedenfalls nicht in Deutschland. Die Intendanten und künstlerischen Leiter sind gut subventioniert und fallen nach oben, wenn ihr Versuch, das Publikum zu anarchischen, antiautoritären Alleshörern umzuerziehen, misslingt; wobei sie sich die moralische Rechtschaffenheit ihrer Positionen selbstredend vorbehalten – schließlich bewahrt nur ihr konzertierter Einsatz von Kakophonie und Exkrementen Deutschland vor dem Abgleiten in die Barbarei.

Autor: Anna Diouf

Was man von ALDI lernen kann – Ostern leicht verständlich

Jaja, ich weiß, es ist Werbung. Ich weiß, hinter Werbung stecken immer auch wirtschaftliche Interessen. Ich bin auch nicht so blauägig zu glauben, dass ein Handelsdiscounter sich nun zum Retter des christlichen Abendlandes entwickelt. Und trotzdem: Wenn Aldi-Süd eine 16-seitige „Osterbroschüre“ für Kinder herausgibt, in der es erst auf den letzten Seiten um ein Angebot von Aldi-Foto geht, dafür aber auf den ersten Seiten kindgerecht und trotzdem korrekt die Osterereignisse wiedergegeben werden, dann ist man doch positiv verblüfft. Wie es der Bloggerkollege Josef Bordat in Kürze auf den Punkt bringt:

Da stehen dann Dinge wie: “An Ostern feiern Christen auf der ganzen Welt die Auferstehung von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.” Oder – über die Kreuzigung Jesu: “Der Jünger Judas verriet dem Hohen Rat, wo sich Jesus aufhielt. Als Belohnung bekam Judas 30 Silbermünzen. Nachdem die Tempelwache Jesus gefangen genommen hatte, wurde er von Pilatus, dem römischen Statthalter und mächtigsten Mann der Gegend, zum Tod am Kreuz verurteilt. Sein schweres Kreuz musste Jesus selbst auf den Berg tragen, auf dem er wenig später gekreuzigt wurde und starb.” Nein, das steht nicht in einer Handreichung für die Kommunionkinderkatechese – das steht in einem Aldi-Prospekt!

Man kann Aldi-Süd nur danken für die feine Aufbereitung des Themas, auch die Erläuterungen weltweiter Osterbräuche, die sich weit jenseits der „Hasenfest“-Werbung anderer Einzelhändler bewegen.

Vor allem kann man aber auch aus diesem Prospekt – abgesehen von den Inhalten – einiges lernen. Zunächst mal das Offensichtliche, dass es nämlich sehr wohl Handelsunternehmen gibt, die auf solche Inhalte wert legen. Und da ist es mir im ersten Schritt mal egal, ob sie das aus wirtschaftlichem Kalkül oder aus der Freude am christlichen Osterfest tun. Sie tun es, und sie geben damit ein Beispiel für andere, die vielleicht überlegen, etwas ähnliches zu versuchen.

Man kann mit der Frohen Botschaft werben

Und da sind wir dann beim weniger Offensichtlichen: Man kann mit der Frohen Botschaft Werbung machen! Es schadet nicht, es erfolgt kein shitstorm (jedenfalls kenne ich bislang keinen, der zu medialer Aufmerksamkeit geführt hätte), es ist einfach ein Zeugnis, zumindest ein kulturelles, wenn schon kein religiöses. Das bedeutet auch, dass man auf Seiten von Aldi-Süd offenbar einen Bedarf festgestellt hat, an dem nicht wenige Katecheten verzweifeln: Das Glaubenswissen über kirchliche Feste ist weithin verloren gegangen, und doch ist dieses Wissen notwendig, wenn man Ostern oder auch das Weihnachtsfest nicht einfach nur als leere Hülle mit allerlei Konsum auffüllen will.

Und zuletzt: Was mag einen Christen in Zeiten, in denen sogar ein Lebensmitteldiscounter mit der Ostergeschichte wirbt, davon abhalten, „Werbung“ für Ostern, für die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu zu machen? Natürlich ist die Broschüre für Kinder gemacht und insofern „niederschwellig“, und doch ist sie fachlich korrekt – es will sich doch angesichts eines solchen Flyers niemand ernsthaft damit herausreden, dass man die Ostergeschichte in einer säkularen Welt niemandem mehr nahebringen könne? Und man wird sich nicht damit herausreden können, dass man das alles nur symbolisch zu verstehen habe.

Okay, es ist nur Werbung, wollen wir es mal nicht höher aufhängen als es gehört. Und trotzdem ist es ermutigend für diejenigen, die ihre Aufgabe in der Evangelisierung sehen (was eigentlich jeden Christen ansprechen sollte) und beschämend für die, die behaupten, so etwas könne man heute nicht mehr machen. Applaus also für Aldi!

Autor: Felix Honekamp