Integration

Als Jugendliche war ich standardmäßig antiamerikanisch, so, wie es in meinem sozialen Umfeld allgemein üblich war.
Zu den Dingen, die meinen – zugegeben sehr oberflächlichen- Antiamerikanismus  beförderten, gehörte das stereotype Bild, das uns in der Schule von der amerikanischen Gesellschaft vermittelt wurde. Sie sei hedonistisch und rassistisch, sie fördere Gettoisierung und es fände kein interkultureller Austausch zwischen den ethnischen Gruppen statt. Das jedenfalls war das, was hängen blieb.

Ich war immer Stolz darauf, dass wir solche Probleme nicht hatten. Bei uns lebten Türken und Deutsche friedlich und einander bereichernd Tür an Tür. Miteinander statt nebeneinander. Ab und zu wurde mal die Sache mit dem Kopftuch und dem türkischen Mädchen und ihrem deutschen Freund thematisiert, aber das hatte dann ein Happy End und selbst der südostanatolische Vater war glücklich; Ehrenmord war nicht vorgesehen im Bildungsplan des Landes NRW. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich, ob mir dieses Zerrbild eigentlich wirklich so vermittelt wurde, oder ob ich es im Nachhinein konstruiert habe – nein, mir fallen genügend konkrete Bilder ein, Schulaufgaben und Texte, die diese Vorstellung festigten.

Vor unseren Augen kracht eine Konstuktion rasant ein

Sie muss natürlich schon damals völlig utopisch gewesen sein. Wir erleben gerade, wie vor unseren Augen eine Konstruktion derart rasant einkracht, dass uns schwindelig wird. Die Parallelwelten kannten wir schon, die Schariapolizei hat uns empört, aber irgendwie war das doch alles noch kontrollierbar, es waren immer Einzelfälle. Und, wichtigstes Mantra seit Erfindung des Yogi-Tees: Mit dem Islam hat das alles nichts zu tun.

Nun wacht man auf in einer Medienlandschaft, die, so unehrlich wie eh und je, nach konsequenter Dienstbarkeit gegenüber der Staatsmacht nun versucht, das sinkende Schiff rechtzeitig zu verlassen und dabei wenigstens nicht gänzlich das Gesicht zu verlieren. Ich erlebe derzeit zwei Phänomene: Meinungsbilder, die versuchen, Reste der Realitätsverweigerung zu retten und Berichterstattung, die sich in voyeuristischer Empörung und in Skandalgeschrei ergeht. Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich sehe darin denselben Opportunismus. Er buckelt nun eben vor der kollektiven Fassungslosigkeit anstatt vor der Kanzlerin. Aufrichtige Selbstkritik konnte ich bisher noch nicht feststellen.

Pseudokolonialistisch anmutende Anwandlungen

Allerdings ist das größte Problem nicht unsere Medienlandschaft. Sollen sie dramatisieren, sollen die sozialen Netzwerke heißlaufen, entscheidend ist, immer noch, was im echten Leben passiert. Im echten Leben sind wir mit echten Menschen, Immigranten, Einwanderern, Flüchtlingen konfrontiert, und die müssen nun integriert werden. Ich sage nicht „müssen sich nun integrieren“. Ich sage: Sie müssen integriert werden. Natürlich ist es wichtig, auf die Verantwortung des Einzelnen hinzuweisen. Ich wehre mich gegen pseudokolonialistisch anmutende Anwandlungen, die davon ausgehen, der Fremde, womöglich Wilde, Ungebildete, könne nicht anders, als seiner Prägung entsprechend zu handeln. Sicher ist das stete Hinterfragen und Reflektieren des eigenen Handelns eine sehr europäische Eigenschaft, die mit der großen Verantwortung einhergeht, die im Christentum dem eigenen Gewissen zugemessen wird. Aber ich kann wohl erwarten, dass jeder vernünftige Mensch zwischen richtig und falsch unterscheiden kann, und dass kaum einer der Silvestergrabscher tatsächlich unfähig dazu wäre, einzusehen, dass das, was er getan hat, falsch war (wenn er auch durchaus kulturelle Sichtweisen als rechtfertigenden Deckmantel benutzen kann).

Nun gehören aber zur Integration zwei.  Ich frage mich, wie es, abgesehen von der real existierenden Fehlpolitik, zu einer solchen Parallelgesellschaft kommen konnte. Und ich frage mich: In was für eine Gesellschaft hätten sich denn diese Menschen integrieren sollen? Sind die Flüchtlinge integrationswillig und –fähig, das ist eine Frage. Ist unsere Kultur integrationswürdig, das ist die andere, für uns eigentlich wichtigere. Denn man kann ja bekanntlich nur sich selbst ändern, nicht andere.

Kann ich erwarten, dass Menschen sich in unsere Gesellschaft integrieren

Kann ich allen Ernstes erwarten, dass sich ein Mensch in eine Gesellschaft integriert, die so hedonistisch und sinnentleert ist, dass Ungeborene aus Bequemlichkeit getötet werden? In eine Gesellschaft, die ihre jungen Generationen in den burn out und in die Depression treibt, und als Linderung der Symptome mit Glück vielleicht noch in einen Yogakurs?

Ich finde nicht.

Wir wissen, trotz der Flut an angeblicher Information, sehr wenig. Vor uns türmt sich langsam ein Berg an Vertuschung und Verdrängung auf, aber was wissen wir denn tatsächlich über die Täter, über ihre Motivation? Wir sollten uns eher darauf konzentrieren, was wir verändern können, was wir wiederbeleben können, um dem massenhaften Zustrom von Menschen eine kulturelle Basis entgegenzusetzen, die stabil und belastbar ist.
Das Gegenteil versuchen unsere linken Freunde nun zu postulieren: Das Recht einer Frau, auch völlig nackt unbehelligt zu bleiben, gilt plötzlich als Gradmesser einer freiheitlichen europäischen Gesellschaft.

Unser Bild von Männlichkeit beinhaltet die Tugend der Ritterlichkeit

Ja. Das soll sie machen können. Aber nicht, weil unsere Gesellschaft tabulose Nacktheit als Wert sieht und akzeptiert, sondern, weil unser Bild von Männlichkeit die Tugend der Ritterlichkeit beinhaltet.

Zwar wird die ideale Reaktion des idealen europäischen Mannes, nämlich, mit seinem Schwert seine Daunenjacke zu zerteilen, und ihr die Hälfte abzugeben, im Alltag aufgrund repressiver Waffengesetze schwer umsetzbar sein, aber sicher gibt es ein Äquivalent.

Nationales Selbstbewußtsein ist eine Voraussetzung für innerern Frieden

Silvester 2015 erschüttert unser Selbstbild. Im besten Fall macht es uns darauf aufmerksam, dass Welcome-Teddybären, die häufig nur der Selbstbestätigung dienen, keine Basis sind, auf der man Zusammenleben aufbaut. Man hat sich der Illusion hingegeben, man könne die Flüchtlinge für das eigene Wohlbefinden missbrauchen und dabei eine win-win-Situation herstellen: Essen und Frieden gegen ein nationales Wohlfühl-Kuschel-Selbstbewusstsein. Die Rechnung geht nicht auf. Nationales Selbstbewusstsein ist eine Voraussetzung für inneren Frieden. Eigenliebe ist die Voraussetzung, um den Nächsten lieben zu können und Respekt vor sich selbst die Basis dafür, von anderen respektiert zu werden. Das sind doch Gemeinplätze! Ich wage es mal zu sagen – Vielleicht wurde hier nicht in erster Linie eine Gesellschaft angegriffen. Vielleicht wurde hier einer Gesellschaft der Spiegel vorgehalten. „Wir respektieren euch nicht, weil ihr Heuchler seid und keinen Respekt einfordern könnt.“ Bitter.

Autor: Anna Diouf

„Unwort“: Jetzt darf es wieder benutzt werden …

Ab sofort darf man wieder „Gutmensch“ sagen. „Gutmensch“ ist nämlich das Unwort des Jahres 2016. Zwar hat das Jahr 2016 noch nicht ganz angefangen, aber ein Unwort haben wir schon mal. Püh! Geschafft! Wie könnten wir nur reden, wenn wir nicht regelmäßig Unworte brandmarken würden.
Doch, es ist wie ein Brandzeichen, das auf dem Wort „Gutmensch“ jetzt haftet. Mit Brief und Siegel, zwar ohne jegliche Legitimation dafür mit der Autorität der sicher geglaubten moralischen Überlegenheit, wird es Jahr für Jahr kreiert.

Machen wir uns nichts vor, das Kompositum aus „gut“ und „Mensch“, ein Wort, welches es in der deutschen Sprache im Grunde gar nicht gibt, taucht als Neologismus seit einigen Jahren vor allem in gesellschaftspolitischen Diskussionen auf. Wikipedia weiß ferner, daß „in der politischen Rhetorik Konservativer und Rechter […] Gutmensch als Kampfbegriff verwendet“ wird. Und natürlich ist das Wort an sich ein Wortunhold. Der Wortwitz liegt in der Konstruktin des Kompositums, welches unmißverständlich das Gegenteil von dem bedeutet, was im eigentlichen Sinne ein guter Mensch ist.

Kampfrhetorik „Konservativer und Rechter“

Da liegt es doch nahe, ein solche Wortungetüm, zumal es auch noch der politischen Kampfrhetorik der „Konservativen und Rechten“ entstammt, endlich einmal aus dem Verkehr zu ziehen. Nichts anderes nämlich soll mit diesen Jahresunworten geschehen. Sie sollen als Begriffe eliminiert werden. So macht Macht Sprache. Schon andere im Grunde sinnvolle Begriffe sind über den Weg der Verunwortung sprach verunmöglicht worden. „Abgehängtes Prekariat“ war auch so ein Wort, das man nicht mehr wollte. Statt nun politisch alles nur denkbare zu tun, denjenigen, die dieser fürchterliche Begriff zu Recht so beschreibt aus ihrer Situation der Hoffnungslosigkeit heraus zu führen, hat man einfach das Wort eliminiert. Die Menschen, die in zweiter oder dritter Generation (fast) ausschließlich von Sozialtransferleistungen leben und zudem zu einem großen Teil „bildungsfern“ (Na, wäre das nicht auch ein Unwortkandidat?) sind, bleiben in ihrer teilweise wirklich aussichts- und hoffnungslosen Situation. Die Hartz IV – Gesetzgebung hat die Lage eher verschlimmert. Doch das Wort, das die Situation klar und deutlich, ohne Schnörkel und Schleifchen beschreiben kann, das Wort ist weg. Damit ist auch der Sachverhalt weg. Aus dem Bewußtsein der Bevölkerung ist tatsächlich dieser Sachverhalt weitestgehend verschwunden. Macht über die Sprache ist Macht über die Wirklichkeit der Menschen.

Wer also Worte ausmerzt, dekonstruiert Wirklichkeiten. Wer wollte bestreiten, daß es das Phänomen des „Gutmenschen“ wirklich gibt. Sich moralisch überlegen dünkende linksgrüne Spießer mit ökologisch-politisch-genderkorrekter Sprache und gleichem Duktus im Auftritt. Man kennt sie und man schätzt sie, machen sie öffentlich den Mund auf, möchte man schreiend davon laufen. Während der gute Mensch ohne zu fragen und zu zögern anfaßt, ergeht sich der Gutmensch in sinnleerem moralinsaurem Gelaber. Während der gute Mensch entschieden bestreiten würde, gut zu sein, läßt der Gutmenschen seine Gutheit in Pressemeldungen, Statements und Interviews vor sich her posaunen. In Säälen und auf Plätzen wollen sie in den vorderen Reihen stehen oder sitzen, auf Podien und Bühnen wollen sie sicher feiern lassen. Gute Menschen weichen dem eher aus und treten nur mit Widerwillen ins Rampenlicht.

Das Unwort bildet Realität ab

Man sieht sehr schnell, wir brauchen das Wortungeheuer „Gutmensch“ unbedingt, denn es bildet einen Sachverhalt in der Wirklichkeit ab. Wir brauchen eine ganze Menge Wortungeheuer, um ungeheure Dinge und Sachverhalte angemessen zu beschreiben. Wir machen die Welt nicht besser damit. Wir machen sie aber erst recht nicht besser, wenn wir die Worte ausmerzen. Wir verändern das Bewußtsein der Menschen, wenn wir die Sprache mutwillig verändern. Das ist ein Faktum, denn Macht über die Sprache bedeutet, Macht über die Menschen zu haben. Eine Sprache ist eine natürlich in einem Volk gewachsene Form der Kommunikation mit dem Ziel, die Wirklichkeit so exakt wie eben möglich in Worten abzubilden. Freie Sprache ist ebenso wie freie Rede ein Ausdruck der Freiheit selbst. Sprachmanipulationen dagegen sind autoritäre Akte gegen die Freiheit.

Die Gutmenschen der Unwortkommission zwingen unsere Sprache durch Negieren von Bösworten in ein Gutsprech hinein. Das ist sehr ähnlich dem Neusprech in Orwells Roman 1984. So soll es gar nicht mehr möglich sein, negative Dinge zunächst ausdrücken und dann schlußendlich überhaupt noch denken zu können. Die Sprachpolizei, die heute Unworte kreiert, wird dann auch Ungedanken kreieren. Überwacht wird das von der Gedankenpolizei. Wir sind nahe dran, dank all dieser unsäglichen Gutmenschen, die uns das freie Denken und Reden madig machen wollen. Gegen diese Versuche hilft nur, ein jetzt erst recht. Nie war das Unwort Gutmensch so wertvoll wie heute.

Autor: Peter Winnemöller

Zurn Debatte:

http://disputata.de/unwort-warum-unwort-ein-unwort-ist

„Unwort“: Warum „Unwort“ ein Unwort ist

Wer ein „Unwort“ kürt, pflegt nicht weniger als einen totalitären Anspruch und behindert den Meinungsaustausch.

Vermutlich bin ich nicht der erste mit einer solchen Pointe, aber mein Favorit für das Unwort des Jahres 2016 ist schon jetzt das Wort „Unwort“. Begründung: Mit der Bezeichnung als „Unwort“ werden Begriffe aus dem politischen oder gesellschaftlichen Sprachgebraucht diskreditiert, die sich in ihrem Gebrauch manifestiert haben und dabei oft eine Pointierung zum Ziel haben. Diese Diskreditierung ist der Versuch, die Nutzung von Wörtern gänzlich oder in bestimmten Kontexten zu unterbinden bzw. die Nutzung der Begriffe unter der Verdacht des Extremismus oder der Inhumanität zu stellen.

Natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung von „Unwörtern“, deren Benutzung er eher ungern sieht. Mir fällt da direkt der Begriff der „Herdprämie“ ein, der sachlich unkorrekt eine Unterstützungsleistung für selbst erziehende Eltern an den Pranger stellt. Umgekehrt macht die Nutzung dieses Wortes aber auch deutlich, wes Geistes Kind der Sprecher eigentlich ist. Wer also den Begriff der Herdprämie in einem bestimmten Kontext benutzt, drückt damit eine Geisteshaltung aus, die man – so identifiziert – auch kritisieren kann. Die Benutzung des Wortes an sich – und nicht die dahinter stehende Gesinnung – an den gesellschaftlichen Pranger zu stellen, erscheint mir daher eher unglücklich.

Verboten sind die Begriffe nicht, aber …

Nun stellt das Küren eines Wortes als „Unwort des Jahres“ kein Verbot seiner Nutzung dar – so weit sind wir zum Glück in Deutschland (noch) nicht. Andererseits lässt die Begründung der Jury aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten (auf ihrer Webseite sprechen die Initiatoren übrigens von „SprachwissenschaftlerInnen“, was mir irgendwie paradox erscheint …) aufhorchen:

„Das Wort „Gutmensch“ ist zwar bereits seit langem im Gebrauch und wurde auch 2011 schon einmal von der Jury als ein zweites Unwort gewählt, doch ist es im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema im letzten Jahr besonders prominent geworden. Als „Gutmenschen“ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf „Gutmensch“, „Gutbürger“ oder „Gutmenschentum“ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm oder weltfremdes Helfersyndrom diffamiert. Der Ausdruck „Gutmensch“ floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird auch hier und dort auch schon von Journalisten in Leitmedien verwendet. Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindert somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten. Im gleichen Zusammenhang sind auch die ebenfalls eingesandten Wörter „Gesinnungsterror“ und „Empörungs-Industrie“ zu kritisieren.“
(Hervorhebungen durch den Autor)

Dahinter steht zunächst mal eine krasse Fehleinschätzung des Begriffes, um nicht zu sagen eine glatte Lüge: Vielleicht bewege ich mich in anderer Gesellschaft als die Juroren des „Unwortes“ aber der Begriff des Gutmenschen ist mir für die beschriebene Helfergruppe noch nicht untergekommen. Im Gegenteil sehen gerade diejenigen, die den Begriff im Munde führen einen deutlichen Unterschied zwischen „Gutmenschen“ und ehrenamtlichen Helfern, die den Menschen zur Seite stehen, die nun mal aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland gekommen sind. Als Gutmenschen werden diejenigen bezeichnet, die aus der relativ bequemen Position als Politiker oder Medienschaffender Forderungen nach Öffnung von Grenzen oder nach Unterstützung von Flüchtlingen stellen, für die sie selbst nicht aufkommen müssen.

Gutmenschen würden gerne die Realität „verschleiern“

Gutmenschen könnte man zum Beispiel Politiker nennen, die einerseits behaupten, die Zuwanderer würden den deutschen Arbeitsmarkt bereichnern, auf der anderen Seite aber das (an sich unsinnige) Instrument des Mindestlohnes für diese Personengruppe aushebeln wollen, damit den Neid gerade niedrig qualifizierter Inländer schüren, über den sie sich dann auch noch wortreich mokieren. Gutmenschen sind solche, die kulturelle Unterschiede der Einwanderer und Flüchtlinge nicht transparent gemacht sehen wollen, um dann die Zustände der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten als spezifisch männliches Problem deklarieren zu können. Gutmenschen sind solche, die – wie letztens erst bei Plasbergs „hart aber fair“ gehört – das Tatmotiv des „Ehrenmordes“ nicht statistisch erfasst sehen wollen, weil das keinem separaten Straftatbestand entspricht, um dann zu behaupten, dass derartige Arten von Verbrechen gar keine Relevanz hätten und Polizisten, die etwas anderes behaupten, als Rassisten bezeichnen. DAS sind Gutmenschen!

Das alles hat, wie leicht zu sehen ist, mit der falschen Definition des Begriffes durch die Sprachjury nicht viel gemein. Das Verdikt „Unwort“ führt nun aber dazu, dass derjenige, der den Begriff verwenden möchte, sich zunächst mal erklären muss, was bislang nicht notwendig gewesen ist, und sich gegen den Vorwurf zur Wehr setzen muss, zum „rechtspopulistischen Lager“ zu gehören. Das führt am Ende dazu, dass der Begriff natürlich nicht verboten wird, sich seine Verwendung aber dennoch verbietet, will man nicht in die falsche politische Ecke gestellt werden. Das ist im Zweifel viel subtiler und effektiver als ein gesetzliches Verbot eines Begriffs. Die Gesinnungskontrolleure haben dann in Zukunft leichtes Spiel, jemanden als „Rechtsextremen“ oder „Neurechten“ zu diffamieren, nur weil er einen Begriff benutzt, der von einer kleinen Jury als „Unwort“ gekürt wurde.

Ein totalitätrer Anspruch

Mir geht es hier – das ist mir wichtig – nicht um das einzelne Wort „Gutmensch“, es geht um die dahinter stehende Attitüde, anhand von Begriffen direkt Denkrichtungen identifizieren und dann diskreditieren zu wollen. Worte und Wortschöpfungen aus dem Sprachgebrauch ausschließen zu wollen – und sei es nur durch die Bezeichnung als „Unwort“ – ist ein totalitärer Anspruch, gegen den sich jeder wehren sollte, dem auch nur ein Fünkchen an freier Meinungsäußerung liegt. Das „Unwort“ ist selbst ein Unwort!

Autor: Felix Honekamp

Zur Debatte:

„Unwort“: Jetzt darf es wieder benutzt werden …

„False Flag“ – Vortäuschen einer vom Gegner begangenen Straftat

Zugegeben. Amtlich ist es noch nicht. Aber sehr wahrscheinlich, laut der Einschätzung der Staatsanwaltschaft und den Aussagen eines Rechtsmediziners.
Ein Politiker täuscht einen Messerangriff auf seine Person vor. Das klingt zu abenteuerlich, um wahr zu sein.
Gut, man ist jung, erst achtzehn Jahre alt (es bestünde also laut Churchill bei genügend Verstand die begründete Hoffnung, dass der Betreffende bereits in 12 Jahren den Sozialismus aufgibt…), man will ein bisschen Action und ein bisschen Öffentlichkeit und fragt sich: Was kann man da machen?  Ein bisschen Unehrlichkeit ist im Politikgeschäft ja nun nicht gerade unüblich – dann erzählt man eben ein paar Märchen: „Da waren Nazis, und die haben mich angegriffen“. Wenn einem tatsächlich nicht genügend Begebenheiten einfallen, die Rechtsradikale diskreditieren (etwa tatsächlich geschehene Mordserien und Messerattacken), dann scheint mir das im Bereich des Möglichen zu liegen. Aber sich selbst verletzen um dem ganzen mehr Wirkung zu verleihen? Polizei und Staat auf Trab bringen, die Öffentlichkeit alarmieren, es in Kauf nehmen, das Freunde, Familie und jeder halbwegs denkende Mensch sich sorgen, ängstigen, mitleiden?

Solche Aktionen fördern den politischen Extremismus

In mir wirft diese Affäre eine einzige Frage auf: Wie kann man nur so – Entschuldigung – strunzdumm sein?
Es scheint, als sei alle Welt bemüht, den Rechtsextremisten in unserem Land und solchen, die am Rechtsextremismus kratzen, einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Flüchtlinge bedanken sich bei völlig enthusiasmierten, des rationalen Denkens unfähigen deutschen Helfern, indem sie in der Silvesternacht stereotype Urängste des vergewaltigenden und brandschatzenden Wilden beschwören und bringen so ihre Sympathiewerte gefährlich ins Wanken.  Ohne einen einzigen Ausländer rufschädigend verprügeln oder ermorden zu müssen, können sich Neonazis und Freunde ins Fäustchen lachen.

Und nun unterstützt ein Linkenpolitiker dankenswerterweise NPD und Konsorten, indem er sich einen Messerangriff ausdenkt. Bei so viel Dummheit kann man nur noch den Kopf schütteln. Gibt es nicht genügend echte rechtsextreme Straftaten und Verbrechen? Muss man die Verschwörungstheoriemaschine anwerfen? Die armen unschuldigen Nazis werden jetzt auch noch beschuldigt, Politiker zu attackieren, naja, die etablierten Parteien, die lügen doch alle, und die Presse erst …

Politikverdrossenheit und Medienskepsis nehmen zu 

Für einen solchen Vorgang gerät mein Wortschatz an seine Grenzen. Ich muss auf Anglizismen zurückgreifen: Lieber Herr Kinzel, Chapeau, Sie haben es geschafft, einen epic fail zu fabrizieren in einem Alter, indem andere noch viel zu idealistisch sind, um es in der Politik zu etwas zu bringen. Dieser Vorfall wird in der derzeitigen angespannten und komplexen Lage sicherlich zu einem Klima des Vertrauens und des Zusammenhalts beitragen. Wenn Sie jetzt noch lernen, wasserdicht zu lügen, steht einer glänzenden Karriere nichts mehr im Wege. Danke, dass Sie bereits in Ihrem zarten Alter alles tun, um Politikverdrossenheit unter Jugendlichen vorzubeugen, danke, dass Sie jede Hoffnung auf nachwachsende Politiker, die ihre Elterngeneration à la Schröder überspringen und bei Adenauer oder meinethalben Schmidt anknüpfen, zu Grabe tragen! Danke!

Auf einem kirchlichen Kongress hörte ich kürzlich ein Gleichnis für die Mühsale und Widerstände im geistlichen Leben: Wenn man im Krieg im Graben sitzt und schießt, und es schießt einer zurück, dann weiß man zumindest, dass man in die richtige Richtung schießt.

Demzufolge ist der abwägende, differenzierende, an der Wahrheit interessierte Mensch, der an der Front für Vernunft und Maß kämpft, in der vorteilhaften Situation, dass ihm aus allen Richtungen Kugeln um die Ohren pfeifen. Na toll.

Autor: Anna Diouf

Gemeinwohl und Freiheit: Da läuft was schief

Freiheit und Gemeinwohl stehen in einem Spannungsverhältnis – Wird Zeit, das zu realisieren

Wer wollte etwas gegen Maßnahmen und Politikrichtungen sagen, die dem Gemeinwohl dienen? Gemeinwohl ist ein Begriff, der noch immer – obschon er altbacken klingt – einen Reiz ausübt. So wenig, wie heute bestritten wird, dass Dinge, die das Gemeinwohl stützen, positiv zu bewerten sind, so wenig ist aber klar, ob man dieses „Gemeinwohl“ überhaupt definieren kann. Das der Verbreitung eines übermäßigen Individualismus eher unverdächtige Wikipedia stellt darum in seiner Definition des Gemeinwohls auch direkt einen Dissens klar:

„Gemeinwohl (griechisch koiné symphéron; lateinisch salus publica, bonum commune, bonum generalis; englisch common good; französisch bien public) bezeichnet das Wohl (das gemeine Beste, den gemeinen Nutzen, die gemeine Wohlfahrt, das Gut) eines Gemeinwesens. Ein grundlegender Dissens besteht im Hinblick auf die Frage, ob man ein „Gemeinwohl a priori“ finden könne (wie die richtige Lösung einer Mathematikaufgabe) oder ob das, was der Allgemeinheit nützt, als Ergebnis einer Bestimmungsleistung von Betroffenen oder deren Vertretern, die sich in Verhandlungen um einen Interessenausgleich bemühen (Gemeinwohl a posteriori), zu betrachten sei.“

Anders gesagt: Die auch christlich geprägte Forderung, das Wohl der Gemeinschaft sowohl in der Politik als auch als Einzelner im Blick zu haben, trifft auf die Frage, ob denn immer so klar ist, was das Wohl der Gemeinschaft eigentlich bedeutet: Gibt es überhaupt ein gemeinsames Verständnis von „Wohl“, das über ein Individuum oder eine kleine Einheit wie Familie oder Freundeskreis hinausgeht?

Sicherung einer allgemein für lebenswert gehaltene Gesellschaftskultur

Wenn heute bei uns von Gemeinwohl gesprochen wird, sind meist finanzielle Rahmenbedingungen gemeint: Gemeinwohl bedeutet, dass in Deutschland niemand in Armut leben muss, ausreichend Mittel vorhanden sind, um ein soziales Netz für Notfälle aufspannen zu können. Strittig ist dann noch – und da unterscheiden sich Liberale und Sozialisten – wie dicht dieses Netz gewoben sein sollte, aber grundsätzlich scheint Konsens, dass in einem Land niemand ohne eigenes Verschulden Not (im Sinne von Hunger oder Obdachlosigkeit) leiden sollte. Nicht betrachtet wird bei dieser Engführung des Begriffes, dass auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen zum Wohl eines jeden und damit der Gemeinschaft beitragen, die sich abgesehen von den Kosten nicht ohne weiteres monetär bewerten lassen: Dazu gehören zum Beispiel Rechtssicherheit, Sicherung von Leib und Leben gegen Einflussnahme von innerstaatlichen und äußeren Feinden und – nicht zuletzt – die Sicherung einer allgemein für lebenswert gehaltene Gesellschaftskultur. Ob sich jemand in „seinem“ Land, in seiner Gemeinschaft wohlfühlt, hat also nicht nur mit einer finanziellen Ausstattung zu tun sondern beinhaltet auch „weiche“ Faktoren.

Über die Problematiken eines Sozialstaats, der in einer Demokratie immer zum Ausufern neigt, habe ich bereits öfter geschrieben, das möchte ich hier nicht alles wiederholen. Nur ganz kurz: Ein Sozialstaat setzt Mittel ein, die er nicht selbst erwirtschaften kann. Er ist darum auf Steuern angewiesen, deren Erhebung denjenigen enteignen, der sie erst mal erarbeiten muss. Spätestens wenn in einer Demokratie die (Netto-) Empfänger von Transferleistungen einen erheblichen Anteil ausmachen, wird die Ausweitung dieser Leistungen zu einem Wahlkampfargument: Ein höher werdender Anteil von Wählern entscheidet über die weitergehende Besteuerung eines kleiner werdenden Anteils von Nettoleistern! Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht! Diese Enteignung steht jedenfalls der freien Verfügung über das Eigentum mehr und mehr entgegen. Ich selbst zähle zu denen, die einen Mindeststandard an Sozialstaat befürworten, verstehe aber auch die Argumente, dass dieses Zugeständnis zu einem Kristallisationspunkt für „mehr“ werden kann – ein Widerspruch, den ich ehrlicherweise nicht auflösen kann.

Kompromisse auf Kosten der Freiheit

Bereits bei der eingeschränkten, finanzorientierten Definition des Gemeinwohls schränken also die Bestrebungen zu dessen Erhalt die Freiheit ein. Dieser Effekt tritt sogar noch stärker in den Vordergrund bei den weichen Faktoren des Gemeinwohls, weil die sich auf das generelle Miteinander auswirken, auf das Verhalten der Einzelnen und dessen Wirkung auf die anderen. Dort Kompromisse auf Kosten der Freiheit einzugehen, fällt einem freiheitsliebenden Menschen schwer, und sollte jedenfalls an harte Bedingungen geknüpft sein. Nehmen wir die Meinungsfreiheit: Diese gehört für sich genommen bereits als Komponente zum Gemeinwohl. Niemand wird in Deutschland darauf verzichten wollen, seine Meinung frei äußern zu können, aber versuchen Sie mal, als Meinung zu behaupten, der Holocaust habe so gar nicht stattgefunden oder sei nicht so schlimm gewesen. An diesem Punkt findet die Freiheit der Meinungsäußerung in Deutschland seine Grenzen im §130 (3) StGB („Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.“). Die relativierende Frage ist dabei, ob es sich um einen gemeinsamen Konsens handelt, der eine solche Einschränkung im Sinne des Gemeinwohls möglich macht. Bislang war das so und bis auf ein paar wenige Verstrahlte hat diese Einschränkung auch keine Konsequenzen gehabt. Es bleibt aber eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, auch – und gerade (!) – wenn es nur eine Minderheit betrifft, die sich dadurch eingeschränkt fühlt.

Eine Konsensfindung über Einschränkungen der Meinungsfreiheit kann also durchaus dem Gemeinwohl dienen, sie geht aber in jedem Fall mit einer Einschränkung der Freiheit einher. Insofern also – nicht nur an dieser Stelle – die weichen Faktoren des Gemeinwohls durch das Verhalten der zur Gemeinschaft gehörenden Menschen beeinflusst werden, steht die Freiheit in einem Spannungsverhältnis zum Gemeinwohl. Das bedeutet nicht zwingend einen Konflikt, da durch Konsensbildung – damit einhergehend in einer gewissen Form von Freiwilligkeit – diese Einschränkung der Freiheit (oder des Gemeinwohls) legitimiert werden kann. Das fällt aber in kleinen Einheiten mit ähnlich gearteten Interessen der Mitglieder deutlich leichter als in großen. Insofern ist auch ein Prinzip der Subsidiarität gemeinwohlfördernd: Auf möglichst unteren Ebenen von Strukturen festzulegen, was dem Gemeinwohl dient, und wofür man gemeinschaftlich bereit ist, Freiheiten aufzugeben, erscheint erfolgversprechender als bspw. auf nationaler oder internationaler Ebene Standards des Zusammenlebens regeln zu wollen.

Unterschiedliche kulturelle Vorstellungen treffen aufeinander

Besonders wichtig wird dies, wenn nicht nur große Einheiten betroffen sind, sondern auch noch neue Interessenvertreter aus ganz anderen Kulturkreisen hinzustoßen. Man muss kein Wahrsager sein, um festzustellen, dass unterschiedliche kulturelle Hintergründe zwischen dem christlich geprägten Mitteleuropa und dem muslimisch geprägten Nordafrika auch unterschiedliche Vorstellungen von Gemeinwohl bedeuten. Es geht dabei gar nicht in erster Linie darum, woher diese Vorstellungen kommen, sondern lediglich darum, zu sehen, dass es sie gibt. Religiös begründete Riten und Wertvorstellungen sind ein Teil des Hintergrunds, andere Gesellschaftsstrukturen, andere Vorstellungen von Zusammenleben, wie sie über Jahrhunderte gewachsen sind, lassen sich nicht so einfach auf einen Nenner bringen.

Worauf ich hinaus will ist: Inwieweit sind Einschränkungen der Freiheit bspw. der Meinungsäußerung notwendig und gesellschaftlicher Konsens im Hinblick auf die Integration von Migranten und Flüchtlingen? Oder umgekehrt: Inwieweit sind andere, neu nach Deutschland einziehende Kulturen von der bisherigen Freiheit gedeckt? Derzeit entzündet sich eine solche Diskussion noch immer an der Frage, ob der Migrationshintergrund bei Straftaten in der Berichterstattung genannt werden muss oder umgekehrt verboten werden sollte. Ist es eine Form der freien Kommunikation, wenn festgestellt wird, dass die Straftäter der Silversternacht in Köln und anderswo Menschen mit Migrationshintergrund aus dem nordafrikanischen Raum waren, oder ist das bereits Diskriminierung, die das Gemeinwohl mindert? Aber es geht auch ein paar Nummern kleiner: Ist es legitim, für muslimische Frauen spezielle Badezeiten in Schwimmbädern zu fordern (von freiwilligen Angeboten privater Betreiber spreche ich hier nicht) oder ist dieses Entgegenkommen eine Einschränkung unserer Kultur? Oder: Ist es legitim, von Einheimischen eine Rücksichtnahme auf die Kultur von Flüchtlingen und Zuwanderern zu fordern – oder ist es legitim, von Einwanderern eine Anpassung ihrer kulturellen Gepflogenheiten zu fordern, selbst wenn die nicht direkt mit Gesetzen in Konflikt stehen?

Regulierungen schränken die Freiheit ein

Mit zunehmender Einwanderung liegen solche und andere Konflikte offen zutage. Eine nationale Regierung reagiert auf so etwas in der Regel mit Gesetzen, die nicht selten eine weitere Einschränkung der Freiheit nach sich ziehen, wie bei der Gesetzgebung zur Volksverhetzung oder den Bemühungen, sogenannte „Hass-Kommentare“ auf Facebook zu unterbinden. Es mag aber auch zu Regelungen kommen, die gesetzlich festzulegen versuchen, was bisher im täglichen Miteinander Konsens gewesen ist: Es entsteht die Notwendigkeit zur gesetzlichen Regulierung durch zunehmenden Einfluss der Flüchtlingsintegration und diese Regulierungen schränken wiederum die Freiheit ein: Die der Zuwanderer genau so wie die der bisherigen Deutschen!

Das alles kann zur Sicherung des Gemeinwohls dienen: Es geht um die Aufrechterhaltung von Stabilität, um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, die in der Silvesternacht und auch in den anschließenden Protesten aus dem Ruder gelaufen ist, um die Sicherung eines Konsenses zur allgemeinen Kultur des Landes. Hier sind wir aber wieder auf den Ursprung zurückgeworfen, mit der Frage, was Inhalt des Gemeinwohles sein soll? Und inwieweit man bereit ist, für dieses Gemeinwohl Freiheiten aufzugeben?

Gemeinwohl darf nicht zur obrigkeitlichen Einschränkung individueller Freiheiten missbraucht werden

Auch diese Diskussion, die mit dem Titel „Leitkultur“ nur zu pauschal mit angesprochen wird, gehört geführt – eigentlich bevor man Grenzen öffnet, sicher aber, bevor man aus der Not heraus angeblich alternativlose Regulierungen Raum greifen lässt. Jedenfalls sollten bei jedem freiheitsliebenden Menschen die Alarmglocken schrillen, wenn heute an die Förderung des Gemeinwohls appelliert wird – im Zweifel geht es dabei immer um die Einschränkung von Freiheit!

Autor: Felix Honekamp

Das Patriarchat ist schuld – Eine Polemik

Schuld ist – das Patriarchat. Jawohl. Der Sündenbock der Achtundsechziger ist zurück. Patriarchat und „restriktive Sexualmoral“ haben sich „gewisse Kreise“ nun zum Täter erkoren.

Für linke Chefideologen ist es natürlich der Supergau:  In jedem Fall schützenswerte, unschuldige und zu idealisierende Minderheit (muslimische Flüchtlinge) bedrängt andere in jedem Fall schützenswerte, unschuldige und zu idealisierende Minderheit (Frauen). Wenn es jüdische Mitbürger trifft, kann man sie als tragischen Einzelfall aus der Öffentlichkeit wegretuschieren und weil man ja israelkritisch ist, fühlt man sich nicht zu übergroßer Empathie verpflichtet. Aber Frauen? Wehrlos und womöglich blond? Da muss ein Schuldiger her. Und der muss ganz klar benannt werden. Ohne Tabus. Ohne Rücksicht. Da muss man durchgreifen. Hart.

Es ist angenehm, mit den Wölfen zu heulen

Das hört sich an wie beste konservative Diktion. Und es ist ja auch angenehm, ab und zu mit den Wölfen heulen zu können. Es klingt so schön, wenn der Mainstream „endlich“ mal Probleme benennt. Wir müssen bloß höllisch aufpassen, dass es auch die tatsächlichen Probleme sind.
Man versucht sich nämlich gerade an der Quadratur des Kreises: Kritik an einem Immigranten, der mit Merkels Segen eingereist ist, ist Kritik an der Regierung und an der Willkommenskultur (pfui), Kritik am Islam ist islamophob (pfui pfui). Kritik am soziokulturellen Hintergrund der Täter ist auch nur in Maßen möglich, denn sonst erwiese man sich ja als Kulturchauvinist und das geht gar nicht.
Schuld sind also der Mann an sich und sein Herrschaftsanspruch gegenüber der Frau. Relativierend ist vielleicht noch einzuwenden, dass er ja nichts dafür kann, dass er in ungegenderten Gesellschaften auf diese Rolle festgelegt wird, ohne die geringste Chance, sich dieser Prägung, etwa durch Reflexion, zu entziehen. Schuld ist die Repression, und Repression findet wo statt? Genau, im Patriarchat. Und spätestens jetzt sollte die Warnblinkanlage im konservativen, womöglich christlichen Hirn hektisch zu leuchten beginnen. Patriarchal, hierarchisch, restriktiv. Das Feindbild Nr. 1.

Argumentative Ablenkungsmanöver
Nicht zufällig, wie mir scheint, versuchen einige Medienvertreter nun verstärkt, die Aufmerksamkeit auf den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen zu lenken. Ich erlaube mir kein Urteil über die Stichhaltigkeit der Vorwürfe. Aber ich weiß, dass die Kirche in dieser Sache keine Fairness erwarten kann. Der Umgang mit dem letzten „Skandal“ in einer Kindertagesstätte (in Mainz; Hinweisder Red.), der sich als leere Konstruktion erwies, spricht Bände. Wer hätte sich für die heftigen und ungeheuerlichen Anschuldigungen entschuldigt? Für den irreparablen Schaden, der der Einrichtung, den Angestellten und der Kirche entstanden ist?
Durch diese argumentativen Ablenkungsmanöver werden drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:
Man baut die Illusion von Journalismus auf, der endlich wieder schonungslos aufdeckt. Man umgeht die notwendige Selbstkritik am eigenen Realitätsverlust und Opportunismus. Und man diskreditiert nebenbei auch noch „das Patriarchat“. Ein bequemer Ausgangspunkt, um  dann demnächst wieder auf Lebensschützer und Kondomgegner zu schießen, wenn die kriminellen Asylanten dann alle abgeschoben sein sollten und als Feindbild nicht mehr taugen.

Autor: Anna Diouf

Wie man es auch sehen kann – eine Verschwörungstheorie?

Im arabischen Sprachraum spielt sich ein Kulturkampf ab. Nachdem einige Regime stürzten, zeigte sich, dass das entstehende Machtvakuum nicht einfach durch demokratische Legitimation gefüllt werden konnte: Extremisten witterten Oberwasser, rekrutierten redegewandt Anhänger unter denen, die seit Jahren litten, und drängten mit Gewalt ins politische Geschehen. Sie waren seit Jahren vernetzt; schnell entstanden große Organisationen, die sich gegenseitig bekämpften und bekämpfen. Die Waffenlager der ehemaligen Diktatoren boten dazu eine reichhaltige  und willkommene Ausrüstung, eine korrupte und gewissenlose Rüstungsindustrie der industrialisierten Staaten sorgt bis heute für Nachschub.

Doch in ihrem verbissenen Kampf um die lokale Vorherrschaft (wobei mit lokal hier Gebiete von der Größe Europas gemeint sind) haben all diese Gruppen einen gemeinsamen Feind: den Westen. Verständlich, verbindet der Westen doch gleich drei Aspekte auf einmal, die für die Kämpfer einer widerlicher als der andere sind: er ist ungläubig, er tritt weltweit selbsternannt als moralische, den Islam kritisierende Instanz auf und er hat eine dekadente, sich selbst vernichtende Kultur, die jeder klar sehen kann, außer ihm selbst. Klar, dass der Kampf letztlich gegen diesen Feind geführt werden muss.

Der Westen macht sich selbst zum Feind

Ein Feind aber will sorgsam gepflegt sein, damit wirklich alle gegen ihn sind. Nicht einfach in Zeiten des Internets, in denen Informationen mehr oder weniger frei verfügbar sind. Die beste Strategie ist da doch, dafür zu sorgen, dass der Westen von sich aus zum Feind wird. Wird er bei dieser Gelegenheit zugleich destabilisiert, ist er hinterher umso leichter zu bekämpfen.
So werden erst einmal Terroranschläge verübt. Die müssen den Westen an seiner schwächsten Stelle treffen: an der Freiheit, denn darüber wird sich die Bevölkerung entzweien. So geschieht es. Doch es klappt nicht – der Westen rückt zusammen.
Daraufhin wird offen angekündigt: wir werden euch tausende Flüchtlinge schicken. Unter ihnen werden Terroristen sein. Die Taktik ist dieselbe, die ein Terrorstützpunkt in einem Kindergarten darstellt: menschliche Schutzschilde. Der Westen wird die Flüchtlinge abweisen müssen. Gibt es eine bessere Propaganda, als so zu zeigen, wie gottlos er ist? Zumal man ihm am Status Quo problemlos eine erhebliche Mitschuld nachweisen kann. Erst zerstören, dann im Stich lassen – das wäre das Bild des Westens, das man braucht.

Doch wieder klappt es nicht: ein paar Länder machen doch tatsächlich ihre Grenzen ein Stück weit auf. Nicht weil sie die Gefahr ignorieren, sondern weil sie die Bedürftigen sehen. Sie gehen das Risiko ein. Und sie gewinnen unter denen, die eigentlich kämpfen sollen, dafür teils große Sympathie. Damit hatten die Planer nicht gerechnet. Anfangs schonen sie diese Länder; Terror wird nur dort verübt, wo man sich militärisch engagiert. Doch es zeigt sich, dass die Aufnahme von Flüchtlingen eine viel mächtigere Waffe ist als jede Bombe: Sie tötet nicht, sondern schwächt, weil sie das Feindbild nachhaltig stört.

Das Schlimmste ist zu erwarten

Die Planer sind gezwungen, einen Schritt zu gehen, den sie eigentlich vermeiden wollten: sie setzen die eigenen Leute im großen Stil ins Unrecht. Sie sorgen dafür, dass es zu Ausschreitungen kommt, wie der Westen sie verabscheut: sexuelle Angriffe. Dabei wissen die Täter gar nicht, dass sie hier einem perfiden Plan gehorchen. Es wurde nur Stimmung unter ihnen gemacht, mit dem Handy problemlos möglich. Die Stimmung entlud sich planmäßig Silvester – die Täter waren die Ausführenden, instrumentalisiert vom großen Kampf. Was sie nicht weniger zu Tätern macht, dafür aber zeigt, wie perfide in diesem Kampf gehandelt wird. Doch was anderes ist zu erwarten, schaut man sich die Bilder von Folterungen und Enthauptungen an. Das Schlimmste ist zu erwarten. Das System funktioniert erst einmal: In Deutschland bricht eine Welle der Ausländerfeindlichkeit auf. Nach ein paar Tagen beginnt das Land jedoch, sich wie üblich weniger mit dem Problem zu beschäftigen, als mit der Suche nach Schuldigen in den eigenen Reihen. Nachschlag muss her: In der Türkei werden deutsche Touristen erschossen. Irgendwie muss die Toleranz dieses Landes gebrochen werden, denn sie ist gefährlich! Da stehen wir heute.

Ich weiß nicht, ob das so stimmt, habe nur einmal versucht, diese Logik zu durchdenken. Es ist ein Gedankengang unter vielen, der nach seine Darstellung möglicherweise schnell weder in der Versenkung verschwindet. Doch wäre ich mitverantwortlich für die deutsche Sicherheit, ich würde über drei Dinge verstärkt in das Ringen um Entscheidungen einbringen:

  • Sind wir vielleicht gerade wegen unserer Offenheit stark und werden gerade instrumentalisiert, damit wir sie verlieren?
  • Was kommt als nächstes für ein „Nachschlag“, um diese Instrumentalisierung am Laufen zu halten, und wie kann ich ihn verhindern?
  • Woher bekomme ich die Mittel, um die Prüfung und notfalls die Überwachung der Flüchtlinge – nein, nicht aufzustocken, sondern zu verzwanzigfachen, um Sicherheit zu gewährleisten, ohne unsere mächtigste Waffe aufzugeben, die uns selbst stärkt, den Gegner aber schwächt: unsere Offenheit!

Autor: Bastian Volkamer

Köln und Connewitz: Warum man Hornhaut auf dem Gemüt braucht

Der Umgang mit der Silvesternacht von Köln und mit den Krawallen in Connewitz sind Zeichen einer mangelnden politischen Kultur. Abhilfe tut not.

Wer über Köln schreibt, der darf über Connewitz und anderes nicht schweigen – so könnte man die diversen Aufforderungen in aller Kürze fassen, die sich darüber beklagen, dass diejenigen, die empört über die Kölner Silvesternacht geschrieben und kommentiert haben, nun zu rechtsextremem Ausschreitungen schweigen. Und auch wenn ich einen Unterschied zwischen tätlichen Angriffen und sexuellen Belästigungen gegen Frauen einerseits und Sachbeschädigungen andererseits sehe: In der Tat passt beides nicht in unsere politische und gesellschaftliche Kultur!

Empörungsmöglichkeiten hier und da

Und es gibt noch mehr Dinge, über die man sich empören kann: Darüber, dass es auch in anderen deutschen und vielen europäischen Städten Übergriffe von Migranten gegeben hat, wie jetzt nach und nach berichtet wird. Aber auch darüber, dass sich nun Rechtsextreme legitimiert sehen, Jagd auf Flüchtlinge und Migranten zu machen. Darüber, dass immer mehr heraus kommt hinsichtlich der Kommunikationsstrategie der Polizeiführung, politisch heikle Verbrechen lieber unter der Decke zu halten. Aber auch darüber, dass Berichte über Verbrechen von Migranten und Flüchtlingen instrumentalisiert werden gegen alle Flüchtlinge und für Forderungen nach kaum umsetzbaren Begrenzungsmechanismen. Oder darüber, dass ein junger Linken-Politiker sich offenbar selbst Verletzungen beigebracht hat, um eine Messerattacke von Rechtsextremen vorzutäuschen.

Das alles sind Situationen, über die es sich zu reden lohnt und man kommt beim laufenden Abgrenzen gar nicht mehr nach: Gegen wen oder was man sich alles abgrenzen müsste, um sich einerseits selbst treu zu bleiben und andererseits nicht in den Ruch der Instrumentalisierung durch bestimmte politische Gruppen zu geraten?! Bei aller Abgrenzerei entsteht aber ein diffuses Bild, mit dem man sich zwar einem Schubladendenken entziehen kann, bei dem es einem aber auch schwer fallen kann, seine Position zu beschreiben. Es gibt nicht so schrecklich viele politisch relevante Positionen, die die Gewaltakte der Silvesternacht genau so verurteilen wie die Gewaltakte in Leipzig, die die Flüchtlingspolitik der Merkel-Regierung für genau so grundfalsch halten wie eine Schließung der Grenzen oder eine nur imaginär einhaltbare Obergrenze.

Was darf gesagt werden, was nicht und was muss gesagt werden

Das einfachste ist da vielleicht noch das Thema Gewalt: Gewalt gegen Personen und gegen deren Eingentum lässt sich weder mit meinem christlichen Menschenbild noch mit meiner Vorstellung von Freiheit vereinbaren. Wer bewaffnet oder mit körperlicher Gewalt gegen andere vorgeht, nimmt den Opfern die Würde und die Unversehrtheit ihres Körpers. Ein lediglich gradueller Unterschied ist die Zerstörung von Eigentum – dabei ist es nicht ganz aber fast egal, ob es das Eigentum von Beteiligten oder Unbeteiligten, wie jetzt bei den Laden- und Hausbesitzern in Connewitz ist. Derartige Gewalt ist moralisch nicht zu rechtfertigen, egal mit welcher politischen Zielsetzung man sie auch verbinden mag.

Etwas anderes sind die Fragen der Kommunikation, der politischen Lenkung von Informationen, aber auch die Frage, welche Arten der Artikulation berechtigt und zielführend ist. Die Frage, was gesagt werden darf und – in Abgrenzung dazu – was gesagt werden sollte oder was gesagt werden muss, ist deutlich schwerer zu beantworten. Schnell ist man da im politischen Fahrwasser: Weist man auf die Beteiligung von Flüchtlingen an Verbrechen hin, gerät man in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit, weist man dagegen darauf hin, dass eine solche Beteiligung nicht den Schluss auf alle Flüchtlinge zulässt, gerät man in den Verdacht der Relativierung von Problemen. Macht man auf die fast zwingend aus der Migration entstehenden kulturellen und interreligiösen Probleme aufmerksam, gilt man schnell als Nationalist oder Rassist, legt man dagegen auf die Differenzierung zwischen politisch zu verantwortenden Migrationsproblemen und Migranten Wert, ereilt einen ruckzuck der Ruf als „Gutmensch“.

Wehren wir uns gegen jegliche Gewalt und gegen jegliche Sprachregelung

Einfacher ist es da, sich in einem Extrem zu verorten und das jeweils andere Extrem zu meiden: Man echauffiert sich über die Silvesternach in Köln, lässt aber Connewitz lieber unkommentiert. Oder man beklagt rechtsextreme Gewaltakte, relativiert aber sicherheitshalber Beispiele von Flüchtlingskriminalität. Beides wird der Problemlage in unserem Land nicht gerecht, beides führt nur dazu, dass sich in den einzelnen „peer-groups“ die Sprachregulierungen verstärken. Deshalb ist es wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen, und sich gegen jede Art von Gewalt, aber auch gegen jede Art von Informationssteuerung zu wehren. Ich möchte weder Informationen über Migrantenübergriffe noch Informationen über rechte Gewalt unter den Tisch fallen lassen.

Die Feinde dieser Position sind damit nicht bei den Flüchtlingen und nicht bei Pegida und Co zu suchen, nicht bei Rechten und nicht bei Linken (per se) sondern bei denen, die per Gesetz, politischer Macht oder medialer Monopolstellung versuchen, die eine oder andere Sichtweise zu vertuschen oder zu relativieren bzw. überzubetonen oder zu dramatisieren. Solcherart Medien muss man allerdings mit der Lupe suchen, darum ist Medienkompetenz auf allen Seiten gefragt – und eine gehörige Portion Hornhaut auf dem Gemüt, die einen gegen Angriffe von links und rechts, die einen unweigerlich einholen werden, abhärtet. Als Christ und als Liberaler hat man selbstverständlich seine Überzeugungen, aber bei den Lautsprechern der politischen Extreme wird man damit keine Freunde finden.

Autor: Felix Honekamp

Deutschland schwelgt

Deutschland schwelgt. Endlich darf frei gesprochen werden. Jetzt kommen – es wird höchste Zeit – die an den Pranger, die freie Rede nicht wollten und jahrelang die Meinung vorgaben, logen und vertuschten. Jetzt wird klar, wo die Probleme wirklich liegen. Deutschland spaltet sich und schwelgt in Feindbildern und Emotionen.
Es ist gleich, ob es nun die gefährlichen Ausländer an sich oder nur bestimmte Muslims sind, ob es ewiggestrige Christen sind oder Feministen. Es ist egal, ob die Gesellschaft sich outet und zu ihrer Wut bekennt oder ob sie kollektiv ihren Ödipuskomplex auslebt und die vormals geliebte Mutti erledigt. Die Hauptsache scheint zu sein, endlich, endlich mal so richtig auf den Putz zu hauen. Und über die Wichtigkeit des Themas zu vergessen, zwischen Meinung und Person zu unterscheiden: plötzlich sind Andersdenkende persönliche Gegner. Nicht Haltungen werden bekämpft, sondern Menschen. Die Feindbilder haben Gestalt bekommen, die Aggression steigt. Herrlich! Deutschland schwelgt und jeder ist im Recht.

Nie haben mir unsere Politiker so gut gefallen, wie sie es jetzt tun. Worthülsen? Vielleicht. Aber bisher ziehen sie meistens an einem Strang. Ihre (sicher meist hilflosen und oft nervigen) Versuche gehen in die einzig richtige Richtung: Deeskalation. Im Gegensatz zu vielen, die sagen, sie könnten niemanden mehr wählen, könnte ich im Moment fast jeden wählen: die Fähigkeit der Politiker, sich auf die Sache zu beschränken und um ihrer willen auch gute Vorlagen auszulassen, übersteigt meine Erwartungen um Längen!

Einen Standpunkt zu finden ist schwer

Natürlich habe auch ich eine Meinung. Es ist wichtig, eine zu haben, wenn es derart ans Eingemachte geht. Ich finde zum Beispiel die Äußerungen Augsteins auf Twitter zutiefst widerlich. Auch von anderen Personen wünschte ich, ihre Gedanken erschienen derzeit nicht auf der Bildfläche. Doch insgesamt bin ich mir unsicher.

Ich weiß nicht, wie man Flüchtlinge von Terroristen unterscheiden soll, Friedfertige von Krawallmachern, Bedürftige von Schmarotzern. Ich weiß nicht, wie man schwerst traumatisierte Menschen integriert, die seit Jahren im Krieg lebten, von brutalen Milizen unterdrückt, und die sich hier fremd und ohne Halt fühlen. Ich weiß nicht, wie man verhindern soll, dass 1.000.000 Fremde Parallelgesellschaften bilden oder wie man Jungs, die sich chauvinistisch als überlegen betrachten und nichts anderes je kennen gelernt haben, beibringen soll, dass sie es nicht sind. Ich weiß aber auch nicht, wie man die Grenzen dicht machen könnte, um unsere „christlichen Wurzeln“ zu verteidigen, oder wie man noch ohne schlechtes Gewissen in der Leichengrube Mittelmeer baden soll. Oder wie es besser sein soll, wenn nicht wir unsere Grenzen dicht machen, sondern jemand anders weiter im Süden das für uns tut. Jemand, der im Umgang mit den Kurden brutal ist und nun Geld von uns dafür bekommt, andere Fremde abzuwehren, damit wir es nicht tun müssen.

Reflexartiges, unüberlegtes Handeln

Ja, die Probleme machen mir Sorgen. Schaffen wir das? Wir müssen, denn die Situation ist, wie sie ist. Wir werden nicht gefragt.
An dieser Stelle kommen inzwischen reflexartig zwei Gedanken hoch: Ja, ich wurde nicht gefragt, und: hätte man mich gefragt, ich hätte es schon lange besser gewusst. Schuld sind die anderen. Die eigene Rechtfertigung beginnt, die eigentlichen Probleme aus dem Bewusstsein zu verdrängen.

Daher ist im Moment meine größte Sorge eine Gesellschaft, die Probleme nicht angeht, sondern sich auf Schuldzuweisungen beschränkt. Die sich auf allen Seiten immer tiefer in ihre Abneigungen verrennt. Und so hauen Rechte auf die Ausländer, Linke auf die Rechten, konservative auf die Linken und Intellektuelle auf die Emotionalen, die ihrerseits auf alles Mögliche hauen, das sich dann natürlich wehrt. Deutschland wird langsam aber sicher gewaltbereit, und jeder glaubt, er wehrt sich nur.

Große Teile der Gesellschaft vergessen völlig die Probleme, so high sind sie von ihrer Meinung. Deutschland schwelgt in Emotionen und wird sich, so beginne ich zu fürchten, kräftig den Magen daran verderben.

Autor: Bastian Volkamer

Warum ich auch für „Der kleine Satanist“ schreiben würde

Zwei geschätzte Kollegen, Michael Blume und Felix Honekamp, legen die Schmerzgrenzen ihres publizistischen Engagements fest: Blume will nicht mehr für „Eigentümlich frei“ schreiben, Honekamp sehr wohl, nicht aber für (erdachte) Organe wie das „Magazin niedergelassener Abtreibungsärzte“ oder „Der kleine Satanist“.

Ich kenne „Eigentümlich frei“ nur dem Namen nach, kann also inhaltlich nichts zu dieser Kontroverse sagen. Aber eines beschäftigt mich doch: Die Notwendigkeit einer Grenzziehung selbst.

Was will ich mit dem Beitrag erreichen

Ich frage mich: Warum ist diese nötig? Warum nicht für die genannten Medien schreiben? Gerade dort erreicht man doch die Leute, die man erreichen will – als Vertreter einer Lebensschutzethik und als katholischer Christ. Die Frage ist doch: Was will ich mit einem Beitrag erreichen? Wie sehe ich meinen Beitrag in dieser feindseligen Umgebung – als Unterstützung ihres Anliegens? Selbst dann, wenn er kritisch ist?

Was spricht dagegen, in einer Zeitschrift für Abtreibungsärzte argumentativ sauber darzulegen, dass Abtreibung ethisch genauso vertretbar ist wie Totschlag oder Mord? Wenn diese den Text abdruckt, ist das doch prima! Das Problem beginnt für mich erst dann, wenn ich für „Der kleine Satanist“ anders schreibe als für „Ministrantenumschau“. Das Problem beginnt erst dann, wenn ich mich mit dem Medium inhaltlich gemein mache.

Schreiben, um Andersdenkende zu erreichen

Also: Ich würde auch für „Der kleine Satanist“ schreiben, um der Leserschaft zu vermittelt, dass sie auf dem Holzweg ist, aber gehörig. Ich würde von der Freude des Glaubens schreiben, von der Kraft der Liebe, die nur scheinbar durch die Macht und Gewalt des Bösen aus der Welt gedrängt wird. Ich würde deutlich machen, dass Satanisten Verlierer sind – im Entscheidungsspiel.

Ob „Der kleine Satanist“ den Beitrag so annähme, steht freilich auf einem anderen Blatt. Auch, dass ich die persönliche Entscheidung der beiden Kollegen respektiere. Nur: Verstehen kann ich sie nicht.

Autor: Josef Bordat

Josef Bordat antwortet Felix Honekamp:

„Unkorrekte“ Medien: Für wen oder was der Autor nicht schreiben würde