Verrohung und Empfindlichkeit – eine Jahresabschlussbetrachtung

Mir fallen in diesen letzten Tagen des Jahres zwei sich widersprechende Dinge auf: 1. Menschen verrohen zusehends und entwickeln sich vom Zivilisationsstand zurück in den Naturzustand, in dem keine allgemeinen Normen gelten, sondern nur persönliche Werte (die aber dann gleich absolut und damit für alle anderen auch). 2. Menschen reagieren andererseits extrem empfindlich auf Anspielungen, Witze (unter die auch sehr schlechte fallen mögen), Bemerkungen – oft stellvertretend nach vorheriger Zuschreibung einer Opferrolle zu Personengruppen, die sich in der Sache noch gar nicht geäußert haben.

Nehmen wir mal an, meine Wahrnehmung ist korrekt – wie lassen sich diese Phänomene erklären? Einerseits: Warum reagieren Menschen heute so empfindlich? Warum konnte sich politische Korrektheit durchsetzen, auch dort, wo sie (vor allem auch aus Sicht der “Betroffenen”) lächerlich wird? Andererseits: Warum haben Menschen ziemlich konkrete Gewaltphantasien und setzen sie auch noch ungehemmt und ungefiltert in die Welt? Warum gehören Morddrohungen heute scheinbar in jede Diskussion, die den Anspruch auf Ernsthaftigkeit erhebt?

Es ist heute leicht, andere zu bedrohen

Letzteres – also die allseitige Veröffentlichung des Abgrunds – ist wohl auch eine technische Angelegenheit: Es ist heute so unfassbar leicht, (vermeintlich) ohne jedes Risiko Menschen zu bedrohen und seinen Hass loszuwerden und sich dann ein kleines bisschen besser zu fühlen. Aber warum überhaupt diese Abgründe? Jeder, der mal ein wenig herumkommt in der Welt (und sei es auch nur gedanklich) wird doch zugeben müssen, dass es uns – im Großen und Ganzen – nicht schlecht geht. Auch diejenigen, die Hasskommentare schreiben, haben a) Zugang zu einem Datenverarbeitungsendgerät und b) Zeit. Diese Kombination ist in weiten Teilen der Welt ein großer Luxus.

Also: Warum dieser Hass? Und: Warum gleichzeitig die Hysterie? Ich glaube: Weil wir allein sind (man sagt: individualisiert) und weil wir es verlernt haben, in größeren Sinnzusammenhängen zu denken, in die wir uns einbetten (meinetwegen auch gemütlich einmümmeln können). So sind wir gezwungen, unsere eigene Welt zu konstruieren. Störungen dieser Aufbauarbeit, die ja mit Unsicherheit behaftet ist (Habe ich den richtigen Bauplan für mein Leben?) werden viel niedrigschwelliger wahrgenommen als wenn sie in einem breiten Strom fester, ähnlicher Entschlüsse stattfände.

Jeder Witz wird zum Angriff

Zu Zeiten, als man eben ein evangelischer Bäcker war, hätte man Witze über evangelische Bäcker geduldig ertragen. Heute nicht mehr, weil heute beides vor dem eigenen Bewusstsein ständig zur Disposition steht: Glaube und Beruf. Man könnte ja auch anders leben! Es gibt so viele Optionen! Lebe ich richtig? Wer so denkt, für den ist jeder Witz ein Angriff auf die dünne Sinnskizze eines fragilen Lebensentwurfs. Wir bauen unser Haus. Wenn das Haus bereits fertig wäre, könnten wir darin Schutz suchen, wenn Farbbeutel gegen die Fassade geworfen werden. Stehen wir auf dem Gerüst und mauern noch, treffen sie uns, auch wenn die Farbbeutelwerfer das Haus meinen.

Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Empfindlichkeit hat sich offenbar von der Empfindsamkeit im positiven Modus abgekoppelt. Die Unsicherheit über das Eigene führt zur Aggression gegen das Andere. Verrohung der Sprache wird zum Kommunikationsprinzip. Der Mensch scheint damit gleichsam die verloren gegangene Gemeinschafterfahrung wiederbeleben zu wollen. Früher sang man gemeinsam “Großer Gott wir loben Dich” und war zutiefst bewegt, ging für einen Moment in der Stimmung auf, konnte sich fallen lassen, sicher fühlen. Heute wird gemeinsam gemobbt. Facebook und Twitter sind die Kathedralen, der Shitstorm das gemeinsame Gebet. Lasset uns hetzen!

Stützende Gemeinschaften sind in einer tiefen Krise

Es hat nun umgekehrt keinen Sinn, sich wieder feste, geschlossene Gemeinschaften zu wünschen. Das funktioniert ja auch nicht: Gerade in äußerlich sehr stabil wirkenden Sinnsystemen brodelt es und Angriffe führen zur Explosion. Sicherheit im Leben zu erlangen, meinetwegen auch: Glück, ist Aufgabe des Einzelnen. Doch seit es die Rede vom Einzelnen gibt (im weiteren Sinne seit der Frühen Neuzeit, im engeren Sinne seit den 1970ern), befinden sich die stützenden Gemeinschaften in der Krise (die Kirche durch die Reformation oder die Familie durch die Abwertung ihrer gesellschaftlichen Rolle).

Die Hilfe der Gemeinschaft (sei es im Kleinen die Familie oder im Großen die Kirche) stolz lächelnd abgewiesen zu haben, war wohl der Kardinalfehler des Individuums, wie uns die formvollendet fragmentierte Gesellschaft heute eindrucksvoll zeigt. “Allein!” – das mag heroisch klingen. Ist am Ende aber nur armselig. Und führt offenbar in vielen Fällen zu mehr Empfindlichkeit und mehr Verrohung. Ich wünsche mir für das kommende Jahr, das beides abnehme. Gemeinschaften, die uns dabei helfen können, gibt es nach wie vor. Die Katholische Kirche ist eine davon.

Autor: Josef Bordat

Demokratie ist, wenn man auch mal verliert

In Slowenien hat das Volk über die Homo-Ehe abgestimmt. Rund zwei Drittel derer die abgestimmt haben, votierten gegen ein Gesetz, das die Ehe nicht als Verbindung von Mann und Frau, sondern als Verbindung zweier Erwachsener definiert. Dieses Gesetz ist damit gescheitert. Es ist klar, dass das aufgeklärte, moralisch hoch überlegene restliche Europa nun über die Slowenen und Slowenien herfällt. Offenbar gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt keinen Unterschied mehr zwischen Homosexualität unter Strafe stellen und Homosexualität in allen Fragen gleichstellen. Nur so lassen sich die süffisanten Anspielungen auf Saudi-Arabien & Co. verstehen, mit denen man Land und Leute nun überzieht. Auch, wenn man eigentlich einsehen müsste, dass es in Slowenien nicht darum ging, Homosexuellen ihre Homosexualität zu nehmen. Es ging um die Ehe. Eine Institution, die kürzlich auch die CDU als Verbindung von Mann und Frau bestimmt hat. (Vorsicht: Dieser Text könnte Spuren von Ironie enthalten)

Schuldig: die Katholische Kirche

Das heißt: Eigentlich lässt man die Slowenen in Ruhe. Die sind ja ohnehin nur Propagandaopfer. Der Katholischen Kirche. So erstaunlich es ist, welch schier unglaublichen Einfluss auf die Menschen man der Katholischen Kirche immer noch zubilligt (ein wenig von diesem Zutrauen wünsche ich mir für Europas Bischöfe), so logisch ist es, dass man nun vehement über die Katholische Kirche als Hauptschuldige herfällt, da sie immerhin Mitinitiatorin des Referendums war und sich daher mal wieder in die Politik eingemischt hat. Es gab zwar noch andere Initiatoren (unter anderen die politische Opposition im Land), aber wen interessiert’s. Eine Abstimmung beantragen ist zwar nicht gleichbedeutend mit der Tatsache, dass die Abstimmung auch im Sinne des Beantragenden ausgeht – doch was soll’s. Die Katholische Kirche ruft auch zur Hilfe für Flüchtlinge auf und mischt sich in die Asylpolitik ein. Das ist etwas anderes. Zwei Drittel der Bevölkerung bei der Gesetzgebung zu übergehen, könnte undemokratisch sein. Nicht jedoch in Sachen Homo-Ehe.

Nein, nein – solche Reaktionen sind nicht überraschend. In einem Klima, in dem Meinungen nur dann geduldet werden, wenn sie eben geduldet werden, weil sie zur Stimmung passen, und in dem diejenigen, die für genau dieses Klima verantwortlich sind, auch noch meinen, sie seien die Hüter der Meinungsfreiheit, in einem solchen Klima ist die Demokratie eine Veranstaltung, die zur Durchsetzung der eigenen Interessen dient. Mehr nicht. Und wenn die Interessen derer, die in den Redaktionen sitzen, nicht durchgesetzt werden, ist es eben keine Demokratie. So wie in Slowenien, wo man sogar das Volk herrschen lässt! Undemokratischer geht es nicht. Und so können die, die über Hamburgs ablehnende Haltung zu Olympia noch jubelten und die Rechtsfigur der Volksabstimmung in höchsten Tönen priesen, nun ein Referendum schon allein dadurch delegitimieren, dass es so ausgeht, wie es ausgeht.

Referenden sind gut, wenn man seine Meinung durchsetzen kann

Es geht nicht darum, ob Referenden gut oder schlecht sind (ich habe meine Zweifel, ob sie so dringend nötig sind, wie einige meinen, wenn wir doch ohnehin ständig wählen dürfen, so oft, dass viele schon gar nicht mehr hingehen mögen), es geht darum, dass man sie, die Referenden, offenbar nur dann gut findet, wenn man gewinnt, und nur dann schlecht findet, wenn man verliert. Das wundert mich nicht, wie gesagt. Es ist menschlich. Aber es ärgert mich, dass diese Haltung zu einem wichtigen Bestandteil der demokratischen Kultur wird, sobald bestimmte Themen eine Rolle spielen. Dann ist Volksherrschaft ganz schnell undemokratisch. Ja, richtig: Schon semantisch ist das ein Widerspruch in sich. Aber wo Meinungsfreiheit und Demokratie den Bach runtergehen, braucht man wohl auch keine Griechischkenntnisse.

Autor: Josef Bordat

Zombiealarm in Berlin

Die Zombies sind auferstanden – aus Ruinen. Im Grunde hielt man so etwas einfach gar nicht mehr für möglich. Da wird in Berlin ganz öffentlich auf einer Bühne dazu aufgerufen, Menschen „mitten ins Gesicht zu schießen“. Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Glaubten wir doch allen Ernstes, diese Zeit sei überwunden.

Wir schießen heute in unsrem Land niemandem mehr ins Gesicht. Wir schießen auch niemandem mehr in den Rücken, der unser Land verlassen möchte. Selbst der übelste Schurke und der grausamste Mörder können in diesem Land darauf vertrauen, daß man ihre Menschenrechte achtet. Ja, der Staat bestraft Mörder und Schurken. Das ist nicht nur sein Recht, das ist seine Pflicht, will er sich selber erhalten und nicht in Anarchie untergehen. Aber ihnen wird nicht ins Gesicht geschossen. Definitiv! Und das ist richtig so.

Freiheit wird im Namen der Freiheit missbraucht

Wir haben viel erreicht und große Freiheiten errungen. Auch Kunst und Meinung sind frei. Niemand muß eine Zensurbehörde fürchten, die seine Werke und letztendlich seine berufliche Existenz in staatlichem Auftrag vernichten kann. Doch es ist ein Risiko der Freiheit, daß es immer diejenigen gibt, die diese Freiheit im Namen der Freiheit übel mißbrauchen. Dann wollen sie Menschen, die anders denken als sie selber „mitten ins Gesicht schießen“.

Welch eine erbärmliche Ansammlung aus Minderwertigkeitskomplexen und Gewaltphantasien sich darin ausdrückt, ist erschreckend. Der politische Gegner wird dann unter dem Vorwand „Kultur“ schaffen zu wollen zum Zombie erklärt, der untot, wie er nun mal ist, ins Reich der Toten zurück geschickt werden muß. Die das tun sind selber Zombies, aus rot-braunen Gräbern haben sie ihren stinkenden Torso gequält und geistern durch ein Land, das längst hoffte solches vergessen zu dürfen. Welch ein dramatischer Fehler!

Gewaltaufruf als sogenannte Kunst

Wer auf solche Art Kultur schafft, kann sich stunden- und tagelang die Hände im gleichen Wasser waschen, wie es einst Pilatus tat. Ein Aufruf zur Gewalt ist auch unter dem Vorzeichen, „Kultur“ schaffen zu wollen, ein Aufruf zur Gewalt. Und nur zu schnell finden sich die, die diesem Aufruf nur zu willig folgen. Wie blind muß man sein, wenn man das nicht sieht? Es wird ganz und gar absurd, wenn ein Gericht in einem Land mit einschlägiger Vorgeschichte solcherart „Kultur“ sich zu schützen berufen fühlt. Wenn ein Landgericht in Deutschland es wirklich als schützenswerte Kultur ansieht, von der Theaterbühne aufzurufen, „Menschen mitten ins Gesicht zu schießen“, dann schießen wir womöglich den Menschen bald wirklich wieder ins Gesicht oder in den Rücken, wenn sie die falsche politische Meinung vertreten oder einfach nur (wo)anders leben wollen.

Falk Richter wird sein Stück weiter zeigen dürfen. Er darf weiter die Fahndungsfotos derer zeigen, denen er ins Gesicht schießen lassen will. Der Hype um Falk Richters Theaterstück „Fear“ ist im Grunde völlig überzogen. Kein Kritiker mit wirklichem Kulturverständnis wird dem Stück eines Zombies aus dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte irgendetwas abgewinnen können. Es ist keine Sünde schlechtes Theater zu machen. Das hat es zu allen Zeiten gegeben. Niemandem wird übrigens deswegen „mitten ins Gesicht geschossen“. Doch es ist ein Unding, die Bretter, die die Welt bedeuten, dazu zu verwenden,  Mordaufrufe kulturell zu verbrämt in die Welt zu schleudern.

Richter produziert vorterroristisches Schmierentheater

Was Falk Richter in Berlin auf die Schaubühne gebracht hat, ist vorterroristisches Schmierentheater. Nicht mehr und nicht weniger. Jeder Mensch, der einen Hauch von  Anstand und demokratischer Kultur im Leibe hat, wendet sich von solchem Tun mit Grausen ab. Eine Gesellschaft, der Kultur etwas bedeutet, kann nur kulturell darauf antworten. Und nicht anders! Eine Gesellschaft mit hedonistischer Skandalsucht, wird der Schaubühne die Karten nur so aus den Händen reißen. Welche Art Gesellschaft sind wir geworden? Eine Gesellschaft mit politischer Kultur oder eine Gesellschaft, in der man „Menschen mitten ins Gesicht schießt“?

Wir müssen uns entscheiden.

Autor: Peter Winnemöller

Verschobene Maßstäbe: Jubel über Unsinn

Jammern auf hohem Niveau – das sind wir in Deutschland gewohnt. Die Jammernden selbst bestreiten das meist, doch die vielen Zuwanderer beweisen: Was uns oft schlecht oder zu wenig erscheint, ist anderen Anreiz genug, die Heimat zu verlassen. Man mag in der Flüchtlingsfrage stehen, wo man eben steht: Allein die Tatsache, dass man sich Sorgen um etwas im Lande macht, zeigt, dass es hier etwas gibt, das man behalten möchte. Jeder setzt da einen anderen Schwerpunkt, doch eines haben wir alle gemeinsam: Nach Syrien auswandern wollen wir nicht. Manche Diskussion wäre milder und menschlicher, würden sich die Teilnehmer vorher den Unterschied klar machen, der zwischen dem Leben hier und dem Leben in einem Kriegsgebiet besteht.
Nun liegt das Problem nicht darin, dass wir versuchen, die Dinge hier zu verbessern, wenn wir Fehler oder Schwächen entdecken. Vielmehr liegt es darin, dass wir darüber vergessen, dass vieles bereits sehr gut ist. Das kostet uns im Inneren Freude und nach außen hin Glaubwürdigkeit. Zudem werden wir systemblind: Verschieben sich die Relationen gegenüber den Tatsachen, beginnt man, Unsinn zu reden. Man schätzt die Lage falsch ein und entscheidet falsch.

Anders herum funktioniert es geradeso

Umgekehrt geht es genauso: Man kann den Gesamtzusammenhang auch über vermeintlich Gutes vergessen. Dann ist es kein Jammern auf hohem Niveau, sondern Feiern auf niedrigem. Die Folgen sind die gleichen: Unsinnige Schlüsse werden gezogen. Genau das passiert in diesen Tagen beim Betrachten der Bevölkerungsentwicklung. Die Geburtenrate steigt seit Jahren, wird gefeiert. Nie war sie seit der Wiedervereinigung so hoch wie heute! Die Maßnahmen greifen, weiter so! Jedoch: die Kinderzahlen, die hier gefeiert werden, liegen nach wie vor sehr sehr weit unter denen, die wir bräuchten, um unser zügiges Aussterben zu verhindern: „1,47 Kinder durchschnittlich pro gebärfähiger Frau“. (Anm.: Meiner Meinung nach sollte man weder Kinder noch gebärfähige Frauen als „durchschnittlich“ ansehen, doch auf dieser Ebene wird das Problem behandelt: ins Unmenschliche hinein abstrahiert und damit falsch.)
Das heißt im Klartext: Von 4 Paaren bleiben in der nächsten Generation noch knapp 3, und so geht es weiter. Faktisch eine Katastrophe. Diesen Zustand als Erfolg zu feiern ist absurd. Oder feiert man es, wenn ein ertrinkendes Kind satt 50 Meter nur noch 48 Meter vom rettenden Ufer entfernt ist und jeder sehen kann, dass es keine 10 mehr schwimmen kann? Feiert man die guten Bremsen eines Autos, das anstatt mit Hundert „nur“ mit Fünfundneunzig vor die Wand fährt? Wenn man verschobene Maßstäbe hat, dann tut man das. Denn dann schaut man nicht auf das Ganze, sondern auf den Einzelpunkt. Das Kind kommt näher, das Auto wird langsamer und die Geburtenrate steigt – für solche Erfolge kann man wiedergewählt werden, wenn man ein guter Verkäufer ist.

Leider ist das unser Alltag

Die Liste dieser falschen Freuden ist lang: Wir exportieren etwas weniger Waffen in Krisengebiete, beuten andere Länder und natürliche Ressourcen etwas weniger aus. Man könnte tausende Einzelpunkte nennen, alles als Erfolg verkauftes Übel. Es geht sogar bis ins Mathematisch Absurde: der Anteil der sprachgestörten Kinder steigt langsamer. Da würde man den Autofahrer mit Kurs auf die Wand sogar dafür loben, dass er nur noch wenig beschleunigt.

Diese ganzen Dinge sind im Grunde unglaublich dumm. Genauso dumm sind wir, lassen wir uns darauf ein, auf dieser Basis zu diskutieren. Was ist vom Intellekt derer zu halten, die aufgrund solcher Entwicklungen messerscharf schließen, KiTas seien ein Erfolgsmodell?

Autor: Bastian Volkamer

CDU-Parteitag: Wer ist der größte Gegner?

CDU und AfD zanken sich um die Konservativen. Wer gewinnt ist noch nicht ausgemacht, aber es gibt Parallelen in den Stolpersteinen beider Parteien.

Der größte Gegner der AfD kommt derzeit wohl eher von innen. Eigentlich hat die Partei einen Lauf, der sich kaum stoppen lässt. Wo man hinschaut unbearbeitete Themen: Die Griechenlandkrise ist alles andere als ausgestanden, sie tritt nur wegen der noch dramatischeren Flüchtlingskrise in den Hintergrund. Mit beiden Themen punktet die AfD bei ihren Anhängern. Dabei ist es von außen betrachtet erst mal unwichtig, ob sie dabei realistische Positionen vertritt – wichtig ist, dass sie die einzige Partei darstellt, die zu den beiden Themen tatsächlich überhaupt eine alternative Meinung vertritt. Das Problem der AfD ist dabei eher, dass sie nach der Trennung von Parteigründer Lucke noch immer durch eine Findungsphase geht: Wie bürgerlich, wie konservativ, wie „rechts“ will man denn sein? Und welches Wählerpotenzial verschenkt man mit einer solchen Festlegung?

Höcke macht es Bürgerlichen unmöglich, AfD zu wählen

Gut zu beobachten ist das am Umgang mit Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag und einer von zwei Sprechern der Partei in diesem Bundesland. Von seiner Seite tönt es seit Wochen in nationalistischer und teilweise rassistischer Weise; seine Rede beim Institut für Staatspolitik in Schnellrode ist zwischenzeitlich auch den weniger an Politik oder der Partei Interessierten ein Begriff. Leider habe ich die vollständige Rede im Web nicht gefunden, also muss ich mich auf das stützen, was die Medien wiedergeben, die der AfD grundsätzlich nicht eben gewogen sind. Nach Ansicht von Höcke habe demnach die Evolution in Afrika und Europa zwei unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien entwickelt. In Afrika werde die Fortpflanzung durch die sogenannte „r-Strategie“ gesichert, ein „lebensbejahender afrikanischer Ausbreitungstyp“, während in Europa die „K-Strategie“ vorherrsche, ein „selbstverneinende europäische Platzhaltertyp“. Am „Reproduktionsverhalten der Afrikaner [werde sich] nichts ändern“, solange „wir bereit sind, diesen Bevölkerungsüberschuss aufzunehmen“.

Nun hagelt es ob dieser biologistisch-rassistischen Äußerungen Kritik auch von innerhalb der Partei, Höcke selbst hat seine Aussagen zwischenzeitlich relativiert, aber offenbar mag sich die AfD-Führung noch nicht so ganz von ihrem thüringischen Zugpferd lossagen. Einerseits kann man das verstehen, denn Höcke bindet die Wähler vom rechten Rand fest an die Partei. Andererseits sind es Führungspersonen wie Höcke, die es bürgerlichen und von der CDU enttäuschten Wählern geradezu unmöglich machen, die AfD zu wählen. Wie man’s macht, macht man’s verkehrt – da wären echte parteipolitische Überzeugungen gefragt, wofür man steht und wovon man sich abgrenzt, die es in der AfD in der jetzigen Phase offenbar (noch) nicht gibt. So scheint es den Parteivorsitzenden Frauke Petry und Jörg Meuthen nur darum zu gehen, zu entscheiden, ob Höcke mehr nutzt oder mehr schadet. Auch nicht gerade anziehend für eine Wählerschaft, die sich von der CDU wegen mangelnder politischer Überzeugungen entfernen. Wie gesagt: Der größte Gegner der AfD kommt derzeit wohl von innen!

Wohlgesetzte Worte – kein Konzept

Da kommt ihnen der CDU-Parteitag mit seiner Kanzlerinnenhuldigung im Zweifel ganz recht. Da wird ein Papier, die sogenannte Karlsruher Erklärung, mit 998 zu 2 Stimmen verabschiedet, in dem nicht viel mehr drin steht als Absichtserklärungen, Durchhalteparolen und der Hoffunung, die europäischen Nachbarn würden schon mitziehen. Die Kanzlerin hält eine fulminante Rede, und man ist als Konservativer schon fast ein bisschen mit ihr versöhnt, wenn sie tatsächlich wieder einen christlichen Bezug der Partei gerade in der Flüchtlingsfrage herstellt – wann hat man das letzte mal von einem deutschen Politiker dieser Liga gehört, der Mensch hätte eine von Gott geschenkte Würde? Das ist Balsam auf die Seele der geschundenen Seelen der Basis-Mitglieder, die mit den Konsequenzen der Bundespolitik lokal leben müssen. Aber das Problem ist: Es fehlt noch immer ein schlüssiges Konzept, wie man mit derartigen Krisen umzugehen gedenkt.

Auf Dauer ist ein „Wir schaffen das!“ einfach zu wenig, vor allem dann, wenn noch immer niemandem so recht klar ist, was dieses „das“ eigentlich sein soll. Zu behaupten, die deutschen Grenzen seien nicht zu sichern, gleichzeitig aber eine Grenzsicherung der EU nach außen zu fordern, erscheint wenig plausibel. Dass es für ein Asylrecht nach deutschem Muster keine „Obergrenze“ geben kann, wäre für mich durchaus einsichtig, weiter eine „Willkommenskultur“ zu pflegen und darauf zu bauen, dass der Flüchtlingsstrom schon abebbe und/oder sich auf ganz Europa verteilen ließe, ist nur noch blauäugig. Und dafür neun Minuten Standing Ovations zu kassieren … da ist jede Minute Werbung für andere Parteien, zuvorderst die AfD.

Merkel hat Visionen, Seehofer zeigt die Realität

Das konnte auch CSU-Chef Seehofer nicht retten, der keine fulminante aber doch stabile Rede gehalten hat; ich stimme Kommentatoren zu, die analysiert haben, dass Merkels Rede in gewisser Weise „visionär“ war, die Rede Seehofers die Delegierten aber wieder in die Realität zurück geholt hat. Seehofer beharrt auf eine Begrenzung des Zuzugs von Einwanderern, die mitnichten alles Flüchtlinge sind. Der Unterschied zwischen Begrenzung und Obergrenze könnte man als Semantik bezeichnen, allerdings ist das, was die CSU vorschlägt immerhin handfest im Vergleich zu den Zukunftsvisionen eines vereinten europäischen Vorgehens zur Reduktion der Flüchtlingszahlen durch Kontrolle einerseits und Lösung der Probleme in den Herkunftsländern andererseits.

Angela Merkel hat sich und ihrer Partei Zeit erkauft. Vehemente Kritiker ihrer Politik wird sie damit nicht eingefangen haben, Unentschlossene bleiben aber vermutlich bei der Stange. Jetzt müsste sie liefern, und ich hoffe – im Sinne vor allem der betroffenen Menschen, Flüchtlingen wie Helfern – dass hinter der Parteitagsrhetorik mehr steckt als der Versuch, die Anhänger einzulullen. Kann sie den Nachweis nicht liefern, bekommt sie ihre Vorstellungen nicht auf die Straße, wird der Parteitag im Zweifel im Nachhinein Stimmen gekostet haben. Parteien wie die AfD profitieren dabei vom Scheitern der Politik anderer Parteien, sie profitieren auch von der Eskalation der Verhältnisse. Das macht sie nicht gerade sympathisch, es hilft aber nichts, das nicht zur Kenntnis zu nehmen:

Die Unklarheit der Regierungspolitik ist eine Katastrophe

Protestparteien – auch wenn sie sich selbst nicht so sehen – ziehen ihren Erfolg aus den Katastrophen, die die anderen nicht verhindert oder gemeistert haben, sie profitieren vom Untergang oder der Angst davor. Insofern war die Rede der Kanzlerin beim CDU-Parteitag tatsächlich gut, sie weckte Vertrauen in denen, die vertrauen wollen. Was aber offenbar fehlt sind tragfähige Konzepte, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern. Es fehlt am Ende auch die Klarheit, wohin eine CDU unter Angela Merkel das Land eigentlich führen will. Diese Unklarheit ist eine fast so große Katastrophe wie die Krisen selbst – jedenfalls in einer Demokratie, in der gegnerische Parteien von diesem Umstand profitieren. Die AfD müsste Angela Merkel jeden Morgen danken, an dem sie sich entscheidet, in ihrer Politik nicht konkreter zu werden, die Menschen im Unklaren zu lassen über ihre Zielsetzung. Die Frage, die damit auch gestellt werden muss, die sich die CDU stellen muss: Wenn der größte Gegner der AfD von innen kommt, woher kommt der größte Gegner der CDU?

Autor: Felix Honekamp

Neues aus der Anstalt: Transager

Bevor Paul sein wahres Ich fand, war er ein etwas übergewichtiger 52-jähriger Mann. Der Kanadier war mit einer Frau verheiratet und Vater von sieben Kindern. Doch all das war gestern. Denn heute ist Paul in seinem Selbstfindungsprozess weiter. Das erfahren wir aus einem Video des Transgenderprojekts, das gerade durchs Netz geistert. Paul ist jetzt Stefonknee, ein sechsjähriges Mädchen. In seinem neuen Leben geht es ihm auch viel besser, sagt er. Er braucht keine Medikamente mehr, und auch die Suizidgedanken seien weg, jetzt da er mit Schleifchen im Haar und Schnuller im Mund bei seinen neuen „Adoptiveltern“ lebt.

Nun freue ich mich sehr, wenn Paul seine Medikamente nicht mehr braucht und ein prima Leben mit Kuscheltieren und Kleidchen verbringen kann. Wunderbar auch, dass er ein neues Zuhause gefunden hat, weil seine Ehefrau und seine sieben Kinder so intolerant reagiert haben auf einen Daddy und Ehemann, der gar nicht mehr Mann sein will und auch lieber jünger als seine eigenen Kinder. Denn früher hätte es für Paul nur einen Platz in einer Anstalt gegeben, heute reicht ein Spielplatz. Das kommt auch das Gesundheitssystem viel billiger.

Aus einer blonden Weißen wird eine „schwarze Frau“

Immer wenn man denkt, es geht nicht noch irrer, meldet sich an der Transfront wieder jemand Neues mit weiteren Transformationen zu Wort, an die wir Ungläubigen in unserer Intoleranz gar nicht zu denken gewagt hatten. Dabei hatten wir doch schon die „schwarze“ Menschenrechtsaktivistin Rachel Dolezal, die in ihre afro-amerikanische Herkunft nur vortäuschte, weil das einst blonde weiße Mädchen sich selbst als „schwarze Frau“ bezeichnet, die sie sein will. „Transracial“ scheint da wohl der Fachbegriff. Ja logisch, warum nicht und wie weitsichtig, wo doch jeder weiß, dass „weiß“ zu sein eine unterdrückende, privilegierte Lebensform mit Neigung zum Rassismus ist. Da möchte nun wirklich keiner mehr dazu gehören und schon gar nicht Rachel, die sich als Neu-Schwarze für die Rechte von Schwarzen einsetzt, was blond und weiß einfach nicht so authentisch rüber kommt.

Aber hey, warum nicht? Wenn man sich angeblich über sein Geschlecht hinwegsetzen kann und die Biologie hier kein Hindernis ist, warum nicht über die eigene Hauptfarbe, Abstammung, das eigene Alter oder alles gleichzeitig? Und haben wir die ganzen Möglichkeiten der Trans-Bewegung überhaupt schon zu Ende gedacht? Müssen wir nicht noch viel toleranter werden, als wir bislang dachten? Gender kennt keine Grenzen und nach der Geschichte mit Stefonknee, formally known as Paul, verstehe ich auch endlich, was es mit dieser ganzen intersektionalen Genderforschung auf sich hat, die ja inzwischen alle möglichen Quer-Verbindungen von Ausgrenzung in einen Topf bringt, damit die verschiedenen Mehrfach-Diskriminierungen endlich mit unserem Steuergeld zutage befördert, analysiert, kategorisiert und dann beseitigt werden können. Ich verstehe jetzt auch endlich, warum die Stadt Wien bei der Verkehrssicherheit die Kategorie Alter in die Kategorie Gender verschoben hat. Denn wenn es in Sachen Verkehrssicherheit um „Umsetzungsbeispiel von Gender Mainstreaming“ bei Neuplanungen von Straßen, Wegen und Plätzen geht, wird in Wien „auf die Bedürfnisse von Frauen, Männern, älteren Menschen, Jugendlichen sowie mobilitätseingeschränkten Personen Rücksicht genommen“. Jetzt, da wir Stefonknee kennen, zeigt sich erst die Weitsicht der Stadt Wien: Alt zu sein ist auch Gender.

So mancher Affe übertrifft im IQ manchen Menschen

Fehlt im bunten Reigen der Transformationen nur noch das Verlassen der eigenen Spezies. Wer sagt denn, dass wir überhaupt als Mensch leben und unser Menschsein akzeptieren müssen, nur weil irgendein Gott oder eine ominöse übermächtige Natur uns in diesen Körper gesteckt hat? Warum darf ich nicht als Haustier leben und mein Menschsein ablegen, wenn es mir mehr zur Last wird, als mich zu erfreuen? Schon in den 70er Jahren haben die ersten Wissenschaftler die Theorie des Speziezismus aufgebracht, die in der Einteilung der Lebewesen in Spezien wie Mensch und Tier auch nur eine Unterdrückungsform sehen, die Rassismus und Sexismus gleich kommt. Schließlich gibt es beispielsweise Menschenaffen, die in ihrem IQ so manchen Menschen übertreffen, warum ihnen also nicht Menschenrechte zugestehen, wie es „Ethiker“ wie Peter Singer schon lange fordern? Wenn wir aber Tiere als Menschen anerkennen sollen, warum nicht Menschen als Tiere? „Transhuman“ sozusagen. Und warum nicht „Transnature“ insgesamt? Ich erinnere mich, wie sich zu meinen Studienzeiten in Freiburg grüne Aktivisten an Bäume ketteten, den Bäumen Namen gaben und ihre Freunde, die Bäume, damit vor der Kettensäge retten wollten. Bäume als getaufte, menschliche Freunde. Die Krönung dieser Bewegung wäre wohl die Transformation eines Menschen, der fortan als Eiche im Wald lebt und sich von Regenwasser ernährt. Da können selbst die Veganer noch was lernen!

Nichts zeigt besser als all diese absurden Geschichten, dass sich Gender Mainstreaming längst von seiner Ursprungsdefinition als Frauenpolitik verabschiedet hat, wenn es das überhaupt jemals gewesen ist. Der Gender-Begriff stammt aus der Transsexuellen-Forschung, er wurde von der feministischen Bewegung zwar adaptiert als Synonym für das „soziale Geschlecht“ zur Überwindung von stereotypen Frauenleben. Heute ist die Opfergruppe Frau aber nur noch eine von vielen auf der ständig weiter wachsenden Opferseite der Geschlechterfront.

Nur Naive meinen noch, bei „Gender“ gehe es um Frauenförderung

Wie mit einer zweiten Welle ist die gesamte Gender-Thematik inzwischen überrollt worden und längst bei ganz neuen Opfergruppen angelangt, während die Mehrheit der naiven Politiker immer noch denkt, man betreibe mit der Finanzierung von Gender-Beauftragten und Gender-Lehrstühlen irgendeine Form von Frauenförderung. Das „andere“ Geschlecht ist längst der „Vielfalt der Geschlechter“ gewichen, die Definition von Geschlecht wiederum ist für vogelfrei erklärt.

Sex ist das neue Geschlecht. Hautfarbe ist das neue Geschlecht. Alter ist das neue Geschlecht. Reichte es noch vor wenigen Jahren, die Frau in der Sprache sichtbar zu machen, muss heute mit Sternchen, Strichen und Wortverrenkungen die Vielfalt der Geschlechter, oder besser gesagt die Vielfalt der sexuellen Orientierungen, sprachlich sichtbar gemacht werden. Je mehr darüber geredet wird, dass Geschlecht und sexuelle Orientierung keine Relevanz haben sollten, umso mehr wird uns täglich das Gequatsche über die sexuelle Vielfalt und deren Ausdrucksformen aufgenötigt, als gäbe es kein anderes Thema mehr. Feierte man früher die Einrichtung von eigenen Frauen-Toiletten als feministische Errungenschaft, müssen heute weitere Unisextoiletten hinzukommen, damit auch die Vielfalt der Geschlechter aufs Klo gehen kann.

Die „Ehe für wirklich Alle“ ist noch nicht zu Ende diskutiert

Frauenquote? Dass ich nicht lache. Wir werden auf kurz oder lang Trans-Quoten diskutieren, spätestens wenn sich die erste Transfrau auf einen Frauen-Quoten-Posten gerichtlich einklagt. Das ganze wird sich fortsetzen im Familienrecht, denn die Ehe für Alle – ja, für wirklich Alle – ist noch lange nicht zu Ende diskutiert. Schließlich muss nach der Ehe auch das Recht auf Elternschaft, Adoption, künstliche Befruchtung für alle Geschlechter erstritten werden. Die Familien-Vielfalt lässt grüßen. Ging es früher um Frauenrechte, geht es heute um die Rechte von Schwulen-, Lesben- und Transsexuellen – und wie die Beispiele oben zeigen, ist das Ende der Gender-Fahnenstange noch lange nicht erreicht.

Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Alter – nichts ist mehr sicher vor der Gender-Front, die wir mit Millionenbudgets durchfüttern, damit sie uns anschließend in eine homo-trans-bis-was-auch-immer-phobe Ecke verbannen, wenn wir den Schwachsinn nicht mit lautem Hurra begrüßen. Wann hat diese Verblödung eigentlich begonnen? Eines muss ich der Gender-Befreiungs-Front aber lassen, wenn das so weiter geht, erscheint die Option als asexueller, cis-weiblicher Baum auf einem Kinderspielplatz zu leben plötzlich als sympathischer Gedanke.

Autor: Birgit Kelle

Wort des Jahres: Warum „Flüchtlinge“ eine gute Wahl ist

Wir werden uns ändern – das ist schon seit einigen Monaten meine Überzeugung wenn es um die Flüchtlingsproblematik geht. Die Frage ist nämlich nicht, ob wir – also die deutschen Staatsbürger – uns ändern müssen oder wollen oder wollen sollen. Die Flüchtlingsthematik ändert die Rahmenbedingungen des Zusammenlebens – regional wie europäisch und weltweit – so tiefgreifend, dass man sich einer Änderung gar nicht entziehen kann. Ein Einsiedler mag von den Veränderungen nichts mitbekommen, aber derlei Ausnahmen lassen wir mal außen vor.

Und ein Zeichen der Änderung ist das sogenannte „Wort des Jahres“, dass alljährlich von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gekürt wird: In diesem Jahr ist es in der Tat das Wort, das wohl die meisten Menschen beschäftigt hat: „Flüchtlinge“. Nach Presseberichten wird die Entscheidung damit begründet, der Begriff sei stark im deutschen Wortschatz verankert und bringe die zentrale gesellschaftliche Diskussion auf den Punkt. Weiter heißt es zum Beispiel bei Focus-Online:

Das Wort „Flüchtlinge“ sei auch sprachwissenschaftlich interessant, sagte der GfdS-Vorsitzende Prof. Peter Schlobinski. „Das „ling“ hat ja einerseits eine passive Komponente, wie in dem Wort Findling, und auf der anderen Seite eine leicht negative wie bei Emporkömmling.“ In Kreisen, die besonders auf politische Korrektheit achteten, werde daher oft der Begriff „Geflüchtete“ bevorzugt. „Ich glaube, dass Flüchtling letztlich bleibt, dass Geflüchtete keine Chance hat“, sagte Schlobinski.

Ein gesellschaftspolitisches Zeichen

Die Jury hatte aus rund 2500 Vorschlägen einen Begriff gewählt, der das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines Jahres sprachlich besonders bestimmt hat. „Und wir wollten natürlich gesellschaftspolitisch ein Zeichen setzen“, erklärte Schlobinski.

Nun ist es in der Tat nicht verwunderlich, dass ein solches Wort ausgewäht wird, es ist auch nicht so, als ob sich an dem Begriff nicht auch eine gesellschaftliche Diskussion entzündet hätte – nur der Hintergrund dieser Diskussion scheint mir doch ein anderer. Vielleicht bin ich da nicht im Bilde, aber bislang hatte ich den Begriff des Flüchtlings noch nicht als diskriminierend weil passiv oder negativ konnotiert gesehen. Ich bin auch nicht sicher, ob es eine relevante Anzahl an Flüchtlingen gibt, die sich über diese Bezeichnung beschwert hätten.

Die viel wesentlichere Frage ist aber doch, was eigentlich genau ein Flüchtling sein soll? Wie wir letztlich erst einer Talkshow entnehmen konnten, haben sogar führende Empörungspolitiker nur eine diffuse Vorstellung davon, wer in Deutschland als Flüchtling anerkannt wird – zum Beispiel niemand aus einem sicheren Drittland. So kann man den Begriff natürlich im Prinzip „neutralisieren“, in dem man einfach jeden als Flüchtling bezeichnet, der vor irgendwas auf der Flucht ist: Vor politischer Verfolgung, vor religiösen Fundamentalisten, vor Naturkatastrophen, vor Armut, … vor Unannehmlichkeiten welcher Art auch immer?

Die Bundesregierung setzt sich über Verfassungsregelungen hinweg

Insofern ist eine Komponente des Unmuts in der Bevölkerung über die Flüchtlingsdebatte auch darin zu suchen, dass einfach jeder, der nach Deutschland „flieht“ als Flüchtling bezeichnet wird, auch wenn der den rechtlichen Status nie wird erreichen können. Das mag dem einen oder anderen unfair vorkommen, aber Flucht vor wirtschaftlicher Not ist in Deutschland kein Grund zur Anerkennung als Flüchtling. Und wenn jemand aus einem sogenannten sicheren Drittland einreist, dann ist er auch kein Flüchtling – eine Verfassungsregelung über die sich die Bundesregierung hinweggesetzt hat; möglicherweise aus guten Gründen aber so einfach sollte es eine Regierung doch auch nicht haben.

Es fehlt heute in weiten Teilen an Klarheit darüber, wie hoch der Anteil an sogenannten Flüchtlingen tatsächlich im rechtlichen Sinne Flüchtlinge sind. Das öffnet Tür und Tor für Agitatoren von beiden Seiten, die Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke und – ganz wichtig – auch die Interessen derjenigen, die tatsächlich Flüchtlinge sind.

Nicht jeder „Geflüchtete“ ist auch ein „Flüchtling“

Die Bestrebungen für Flüchtlinge einen anderen Begriff zu suchen, sind dabei durchschaubar der Versuch, diese Situation zu verunklaren. „Geflüchtete“ ist zwar durchaus legitim, sollte sich tatsächlich an dem anderen Begriff jemand stören, hilft aber bei der Klärung, wer in Deutschland einen Flüchtlingsstatus erhalten kann und wer nicht, keinen Millimeter weiter. Im Gegenteil wird suggeriert, dass ein Geflüchteter – als neutraler Begriff – wohl auch ein Flüchtling im rechtlichen Sinne sein muss. Dass das nicht der Fall ist, sollte auch denen klar sein, die diese Menschen trotzdem aufnehmen wollen.

Den Begriff „Flüchtlinge“ zum Wort des Jahres zu wählen ist also aufgrund der Brisanz der Thematik durchaus nachvollziehbar. Die Diskussion über den Begriff, seine Bedeutung und was das Thema generell noch bedeuten wird, hat aber gerade erst begonnen. Ablenkungsmanöver wie Begriffsklaubereien helfen dabei überhaupt nicht.

Autor: Felix Honekamp

Die Regierenden sind nackt

Kennen Sie das? Die Geschichten von den zaristischen Domestiken, die in allen Ortschaften, die die kaiserlichen Hoheiten durchfahren oder gar besuchen würden, dafür sorgten, dass die sichtbaren Fassaden in ordentlichem Zustand waren? Es konnte ja nicht verantwortet werden, dass die Regierenden mit der hässlichen Realität konfrontiert würden.

Und erinnern Sie sich noch an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“? Da waren die Lakaien, die Minister, der Hofstaat und das Volk von den Einflüsterungen des „Schneiders“ so eingeschüchtert und verängstigt, dass es eines unschuldigen Kindes bedurfte, um die Wahrheit auszusprechen: „Der Kaiser ist ja nackt!“

Entourage verkommt zu liebedienernden Sklaven

Solche Verhalten kann man zu Recht belächeln. Ja man kann darüber sogar lauthals lachen. Denn das sind Auswüchse einer Gesellschaftsform und einer Regentschaft, die einzig das Wohl der Regierenden im Blick hat. Und das Umfeld der Regierenden tut alles, um das Wohlgefallen der Potentaten zu erringen oder zu erhalten. Das geht soweit, dass man die Wahrheit nicht mehr ausspricht, obwohl man sie kennt. Die Entourage verkommt zu liebedienernden Sklaven einer einzelnen Person.

Wir, in unserer Demokratie, sind vor solchen Auswüchsen gefeit. Wir haben Regierende, die einen Eid geschworen haben. Da heißt es in Artikel 56 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen
Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des
Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit
gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

Da heißt es nicht, dass die Regierenden ein Recht darauf haben, dass Volk und Mitarbeiter ihnen alles recht machen müssen. Da heißt es auch, dass sie an Gesetze gebunden sind und nicht despotisch zu bestimmen haben, was dem Volk gefälligst genehm zu sein habe.

Lachen Sie noch immer? Oder ist Ihnen das Lachen jetzt im Halse stecken geblieben? Das kann man verstehen. Angesichts des derzeitigen Verhaltens der Regierung und besonders der Bundeskanzlerin mehren sich die Zweifel. Hat man da in Berlin wirklich noch „das Wohl des Deutschen Volkes“ im Auge? Tut man im Kanzleramt wirklich mit realistischem Blick alles, um den „Nutzen des Volkes zu mehren“. Erkennt man Fehler noch oder dürfen die nicht mehr ausgesprochen werden, damit die Regierende ihr Gesicht wahren kann? Wird da „Schaden abgewendet“ oder schweigen die Hintersassen – allen voran Fraktionschef Kauder – aus purem Machtkalkül und persönlichem Ehrgeiz.

Wer beobachtet hat, wie der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion Volker Kauder den Bundestagsabgeordneten der CDU, Matthias Mattfeld, im Plenum des Deutschen Bundestages vor allen Fraktionen und vor offener Kamera angepflaumt hat, weil er in seiner Recde offensichtliche Fehlentwicklungen angesprochen hat, wie Kauder alle anderen Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion noch während der Rede Mattfelds dazu verdonnert hat, dem Redner keinen Applaus zu zollen, der kann angesichts dieses verlogenen Getues massives Magengrimmen bekommen.

„Obergrenze“ darf nicht erwähnt werden

Und wer mitbekommt, welchen Affentanz die Union im Vorfeld ihres Bundesparteitages aufführt, damit niemand auf die Idee kommt, den Begriff „Obergrenze“ mit Bezug zur derzeitigen Flüchtlingsproblematik in einem Parteitagsbeschluss zu verankern, der fasst sich an den Kopf und verliert den Glauben an die Demokratie: Der Wille der Parteivorsitzenden und Kanzlerin wird hier von den Delegierten des Parteitages über das Wohl des Volkes gestellt. Selbst die jungen Mitglieder der Partei haben nicht mehr den Mut, sich diesem irrationalen Verhalten entgegen zu stellen. Die Junge Union wollte eine „Obergrenze“ beschließen lassen.
Wegen des Widerstandes aus dem Kanzleramt und der Parteispitze zog man kleinlaut zurück und nennt das Projekt jetzt anders: Hauptsache die Fassade stimmt für Ihre Hoheit.

Angesichts solcher Spielchen kann man als resignierendes Wahlvolk nur noch feststellen: „Die Parteipolitik hat keine Scham mehr. Sie entledigt sich ihrer letzten Feigenblätter und kämpft völlig entblößt und nackt, um der divenhaft Herrschenden mit allen Mitteln zu Diensten zu sein.“ Rückgrat, Überzeugung und Standhaftigkeit sucht man da vergebens. Einsicht, Klugheit und Vernunft sind ersetzt durch „Order der Kanzlerin“, stures Beharren auf Standpunkten und Durchregieren wider jede bessere Erkenntnis.

So schafft man Politikverdrossenheit, Wahlverweigerung und radikalisiert die Bevölkerung, die sich nicht ernst genommen fühlt. Denn das Volk sieht inzwischen sehr deutlich, dass die Regierenden „nackt“ sind.

Autor: Dominik Ventus

„Der Antichrist im Vatikan!“ – Geht’s noch?

Fiat Lux“ ist der Beweis für den Antichrist auf dem Stuhl Petri? Manchmal fällt einem zu solchem Unsinn nicht mehr viel ein.

„Der Affe Gottes“ – eine Bezeichnung des Teufels – „hat sich im Vatikan breit gemacht!“ Okay, das ist eine der drastischeren Aussagen, die ich in Kommentaren zur Aktion „Fiat Lux“ (Impressionen hier, ich verlinke mal ausnahmsweise katholisch.de) gelesen habe, daneben gab es auch noch „versöhnlichere“ Beiträge wie die, es sei ein Sakrileg, auf den Petersdom Tierbilder zu projizieren, ein Zeichen der abgeschlossenen Verweltlichung, wenn man Umweltschutz und Klimawandel in dieser Art thematisiert, noch dazu finanziert von der Weltbank … da ist dann ganz schnell auch wieder von der „Neuen Weltordnung“ die Rede, davon, dass der Vatikan am Ende doch mit irgendwelchen finsteren Logengestalten gemeinsame Sache macht … waren da nicht auch Verbindungen zwischen Geheimlogen und den Jesuiten, zu denen der Papst auch zählt …?

Unglückliche Aktion …

Unklar ist dabei, ob die Aktion überhaupt von Papst Franziskus mitgetragen wurde; andererseits fehlt mir die Phantasie, dass man das komplett an ihm vorbei entschieden haben sollte. Zudem nimmt man seitens des Vatikans auch Bezug auf das Heilige Jahr der Barmherzigkeit, bei dem man auch den Umgang des Menschen mit der Umwelt in Betracht ziehen müsse. Nun ja, so naheliegend finde ich den Zusammenhang nicht, aber sei’s drum: Fiat Lux hat nicht ohne Zustimmung des Vatikans stattgefunden, und der Papst wird Kenntnis gehabt und vermutlich nicht widersprochen haben.

Nun empfinde ich persönlich die Darstellung wilder Tiere und Naturvölker auf einer Kirche generell als – sagen wir mal – unglücklich. Andererseits ist die Symbolik, Umweltschutz auf dem Felsen der Kirche, dem Grab des Petrus, zu thematisieren, auch nicht von der Hand zu weisen und selbst eine Präsentation auf Leinwänden auf dem Petersplatz wäre demgegenüber zurückgeblieben. Und will man die Bewahrung der Schöpfung priorisiert auf die Tagesordnung setzen, dann ist die jetzt gewählte Methode sicher eindrucksvoll. Ich selbst kann den Bildern – gerade auch auf dieser spezielle Kirche – auch eine gewisse Ästhetik nicht absprechen.

… aber dennoch keine Blasphemie

Was bleibt als Fazit? Ich hätte die Aktion nicht unterstützt, verstehe aber, warum man sie gemacht hat, und kann daran nicht wirklich Erschreckendes erkennen. Die Nutzung eines Kirchengebäudes, egal welches, zu solchen Aktionen sollte nie eine Selbstverständlichkeit werden. Es ist aber auch keine Blasphemie, die exponierte Stellung einer Kirche auch für Zwecke zu nutzen, die nur indirekt kirchlich sind – noch dazu, wenn es nicht zu einer Regelmäßigkeit kommt, sondern es sich um eine gewisse Aktualität handelt. Kein Beinbruch also.

Was mich aber zunehmend nervt, ist der Versuch einzelner katholischer Interessengruppen, über solche Diskussionen zu verbreiten, Franziskus sei der Falsche auf dem Stuhl Petri. Gerade jetzt zeige sich die Weltlichkeit, die Verbundenheit mit der Weltbank, mit ökozentristischen Bewegungen die eine eigene Religion darstellten. Kurz, der Papst sei nicht katholisch und man müsse dem Gedanken Raum geben, es säße der Antichrist im Vatikan. Ich kann ja verstehen, dass es dem einen oder anderen nach Beneditkt XVI. schwer fällt, einen so ganz anderen Charakter als Papst zu akzeptieren, aber das ist nicht das Problem des Papstes sondern dieser Katholiken. Seit kurz nach dem Amtsantritt „stänkern“ diese ehemals Papsttreuen gegen Franziskus, und scheinen sich gar nicht darüber im Klaren zu sein, dass sie damit das Wirken des Heiligen Geistes beim Konklave in Frage stellen.

Trotz vieler Interpretationsversuche: Der Papst ist katholisch

Und das beste ist: Bislang fehlt jeder Nachweis, dass der Papst sich gegen die katholische Lehre wendet. Das wünschen sich auch viele Kräfte außerhalb der Kirche, in seltener Einmütigkeit mit innerkirchlichen Papstkritikern. Die würden solche Nachweise zwar anders bewerten, scheinen sie aber dennoch herbeizusehen, um endlich Recht gehabt zu haben. Der Papst hat an der Morallehre der Kirche keine Änderung vorgenommen, er hat keine Änderung an der Sakramentalität der Ehe vorgenommen, keine Änderung an der Eucharistielehre. Er setzt sicher andere Akzente als sein Vorgänger, in seinen Reden und Predigten genau so wie mit seinen personellen Vorlieben, aber das ist nicht antikatholisch, das ist nur anders, als manche Katholiken sich das wünschen.

Ich habe mich mehr als einmal gefragt, wie ich denn mit meiner Selbstzuschreibung als „Papsttreuer“ umgehe, wenn der Papst Entscheidungen treffen sollte, die ich nicht mittragen kann, die ich für nicht von der katholischen Lehre gedeckt halte. Und wissen Sie was: Ich mache mir darüber erst wieder Gedanken, wenn es so weit kommen sollte! Seit gut zweieinhalb Jahren ist nämlich in dieser Richtung nichts passiert, auch wenn manche etwas anderes in die Aussagen des Papstes hineinorakeln wollen. Bis dahin verschwende ich mit solchen Überlegungen nur meine Zeit. Und das tun die, die versuchen, dem Papst nachzuweisen, dass er nicht katholisch – oder gar schlimmeres – sei, auch.

Autor: Felix Honekamp

Westliche Hybris

Wie können wir den Terrorismus stoppen? Diese Frage treibt Politik und Gesellschaft um, doch sie ist falsch gestellt.
Den Terrorismus stoppen können nur die Terroristen. Tun sie es nicht, können wir nur die Terroristen stoppen. Wenn sie uns angreifen, dürfen wir uns selbstverständlich verteidigen. Das moralisch infrage zu stellen, ist schlicht Unsinn. Die große Frage ist: wie?

Zum einen können wir sie bekämpfen. Das können wir hier vor Ort und dort, wo sie herkommen. Keiner wünscht sich das, doch jeder würde einen Angreifer, der ihn oder seinen Bruder töten will, ohne Zögern niederstrecken. Mit Recht. Ihn danach zu verarzten, wenn das noch geht, und ihm einen fairen Prozess zu machen, ist ein Gebot der Nächstenliebe und Gott sei Dank auch eines unserer westlichen Verfassungen. Gut so.
Zum anderen können (und müssen!) wir versuchen, zu verhindern, dass Menschen zu Terroristen werden. Das ist gut für uns und gut für diese Menschen. Und wieder die Frage: wie?

Wir sind schuld! Sind wir schuld?

Als Antwort wird nach den Gründen gesucht, aus denen jemand zum Terroristen wird. Diese Suche geht mit einer Art politischer Demutsübung einher: Offen für eigene Fehler suchen wir die Schuld bei uns selbst, da es unmoralisch ist, andere für irgendetwas zu beschuldigen. Doch diese Denkweise ist in Wahrheit alles andere als demütig und offen: Wenn ich ernsthaft glaube, der Fehler, den ein ausländischer Selbstmordattentäter begeht, liege letztlich bei mir begründet, muss ich mich für den Nabel der Welt und den Rest der Menschheit für meine Marionetten halten. In jeder anderen Logik erscheint diese Idee absurd, doch genauso denken große Teile unserer Gesellschaft.

Ich kann der Meinung sein, die westliche Präsenz, sei sie wirtschaftlich oder militärisch, zerstöre andere Kulturen und bringe Terroristen hervor. Genauso gut kann ich sagen, noch viel mehr Intervention in den Herkunftsländern der Terroristen sei notwendig. Gleich welcher Argumentation ich folge: die Lösung des Problems, davon sind wir alle überzeugt, liegt bei uns. Wie könnte es anders sein? Sind wir doch daran gewöhnt, die Probleme der Welt zu lösen. Eines steht doch fest: die Welt wird nur gut, wenn sie ist, wie wir sind: demokratisch, tolerant und offen für alles. Alles und jedes darf bekämpft werden, nur wir und unsere Vorstellungen nicht. Wir sind Ursache und Grund für alles. Und so benehmen wir uns auch. Deswegen exportieren wir erst unsere „Werte“ und dann Waffen zu ihrer Verteidigung. Das ist geistiger Kolonialismus.

Kein vernünftiger Mensch will so werden wie wir sind

Was auch immer geeignete Maßnahmen sind: der Westen muss als erstes seinen falschen Hochmut aufgeben. Er muss erkennen: unsere vermeintliche Überlegenheit ist Einbildung. Kein (vernünftig denkender) Mensch vom „Rest der Welt“ will sein, wie wir: Wer außer uns betrachtet kaputte Familien, die für den Arbeitsmarkt geschleift wurden, als Errungenschaft? Wer den Verlust der eigenen Identität bis hin zur Geschlechtslosigkeit? Oder radikalen Individualismus von Individuen, die jedes für sich ganz individuell politisch korrekt, trendy und gleich sind? Wer vertraut jemandem, der seine Konsumgüter billig im Ausland produzieren lässt, auch wenn die Menschen dort dann hungern? Oder jemandem, der seine Entwicklungshilfe an die Übernahme von Ideologien wie Gender koppelt? „Übernimm meine Meinung, oder du musst leider verhungern!“ sagt der Westen heute, und wendet sich zugleich vollmundig gegen jede Unfreiheit in der Welt. Kein Mensch will sein, wie wir. Nicht einmal wir selbst, wie die Auflösungserscheinungen unserer Kultur zeigen.

Wenn wir uns für den Heilsbringer halten, der das Wertesystem schlechthin notfalls mit üblem Druck vertritt, aber zugleich nicht wissen, ob wir uns selbst überhaupt verteidigen dürfen, sind wir für Terroristen leicht zu provozieren und zu erschüttern, doch für den Rest der Welt nicht berechenbar. Jede militärische Option kann so zum Selbstmordkommando werden, denn sie steht auf einer Basis, die keine ist. Sie zeigt Stärke, wo nichts dahintersteht. Ihre einzige Rechtfertigung ist, dass es noch gefährlicher erscheint, nichts zu tun. Armer Westen!

So wie bisher, kann es nicht weitergehen

Niemand weiß, was passiert, wenn der Westen in sich geht. Wenn er Bündnisse mit Diktaturen beendet, Knebelverträge stoppt und auf so manchen Billigimport verzichtet. Niemand weiß, was innenpolitisch passiert, wenn sich die demokratischen Staaten auf ihre Wurzeln besinnen, anstatt mit dem Fundamentalismus gleich die eigenen Fundamente zu bekämpfen. Doch jeder kann sehen, was passiert, wenn wir weitermachen, wie bisher: Instabilität, Flüchtlingsströme und Terrorismus sind erst der Anfang. Nicht weil wir der Grund für all das sind, sondern weil wir zum Ziel werden. In einer Welt, die uns zum eigenen Schutz immer stärker ausgrenzt, doch unser Geld noch gut gebrauchen kann, bevor wir uns selbst auflösen. Mitleid ist nicht angebracht, denn wenn wir die Kurve nicht mehr kriegen, werden wir überzeugt sein, unsere Auflösung sei der Gipfel der Werte.

Autor: Bastian Volkamer