Warum Erben gerecht ist

Der »Ankereffekt« ist ein allgegenwärtiger Mechanismus unseres zwischenmenschlichen Miteinanders – die Verzerrung eines Urteils durch willkürliche Informationen im Umfeld einer Entscheidung. Jeder kennt das, etwa vom Flohmarkt: Wer zuerst einen Preis vorschlägt, setzt den Anker, um den herum verhandelt wird. Jede Preisvorstellung wird unweigerlich durch das erste Gebot beeinflusst. Deswegen können gewiefte Händler großzügige Rabatte geben und ziehen einen trotzdem über den Tisch.

Genau das Gleiche passiert laufend in der politischen Auseinandersetzung. So auch bei der anstehenden Reform der Erbschaftsteuer. Das Bundesverfassungsgericht hat am 17.12.2014 den Gesetzgeber verpflichtet, die Begünstigung beim Vererben von Betrieben ordentlicher auszugestalten. Daher wird nun eifrig über die Definition von Betriebsvermögen, Bedürfnisprüfungen und Lohnsummen oder Mitarbeiterzahlen diskutiert.

Familienunternehmen erhalten Arbeitsplätze

Die einen wollen den Firmenerben nur eine Million lassen, der Rest soll in die Hand der Mitarbeiter übergehen (Sahra Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag), die anderen wollen bis zu einem Unternehmenswert von 100 Millionen Euro bei stabiler Belegschaft ganz von der Steuer befreien (Nils Schmid, SPD, Minister für Finanzen und Wirtschaft in Baden-Württemberg). Eine Menge Anker(versuche). Der Hauptanker aber ist: Alles dreht sich um mehr oder weniger Begünstigung bei Unternehmensübergaben. Fraglos wichtig, zumal Karlsruhe die besondere Rolle von generationenübergreifenden Familienunternehmen für den Erhalt von Arbeitsplätzen ausdrücklich anerkannt hat. Was aber neben der Konzentration auf den Anker untergeht, ist die grundsätzliche Überlegung, ob eine Erbschaftsteuer überhaupt zu rechtfertigen ist.

Denn eigentlich ist die individuelle Verfügung über das Eigentum ein seltsamer Besteuerungsgrund. Um das zu vertuschen, wird stets vom Erben und nur selten vom Schenken gesprochen. Ja man deklariert sogar Schenkungen als vorweggenommenes Erbe um. Alle Wortklauberei ändert aber nichts daran, dass in jedem Fall jemand über sein aus versteuerten Einkommen erspartes Eigentum verfügt. In einer freiheitlichen Gesellschaft, die das Eigentum per Grundgesetz schützt, ist es aber doch eigentlich vollkommen irrelevant, ob jemand sein Vermögen in Zukunft selbst weiterspart oder verkonsumiert, oder ob er das jemandem anderen überlässt. Was geht es den Staat an, ob ich meinen Kuchen selber esse oder mit anderen teile?

Eigentlich doch eine schöne Vorstellung, dass man in einer Welt lebt, in der Menschen anderen etwas schenken. Ja, eine schöne Welt, in der man etwas hinterlassen kann.

Gibt es „unverdiente Vermögen“?

Dem entgegnet werden genauso wohlklingende wie leere Phrasen. Zum Beispiel die Behauptung vom »unverdienten Vermögen«. Bitte schön, wem ist eigentlich diese dumme Verleumdung eingefallen? Und warum wird das so maßlos unüberlegt nachgeplappert? In unzähligen Familienbetrieben wird von Angehörigen unentgeltlich mitgearbeitet und alle trifft der notwendige Verzicht in schwierigen betrieblichen Phasen. In unzähligen Familien wird sich um die Pflege der Nachlasser gekümmert. In unzähligen vererbten Immobilien stecken Schweiß und Geld der Erben. Und selbst wenn jemanden ein Vermächtnis wirklich aus heiterem Himmel erreicht: Warum sollten wir ihm in einer freien Gesellschaften sein Glück neiden?

Eine andere Phrase ist die »Chancengleichheit«. Man mimt den Bildungs-Robin-Hood, schürzt die Zweckbindung von Steuern vor und behauptet, dass der Bildungserfolg vom Geldbeutel der Eltern abhängt. Wie hätte dann aber eine Gesellschaft sich jemals aus einer Krise wider aufrappeln können? In Wirklichkeit ist das Wollen der überragende Faktor. Wissensdurst, Bildungshunger und Streben nach Unabhängigkeit. Tugenden, die maßgeblich vom Elternhaus mitgeprägt werden (können). Eine Mitgift, die keinen Cent kostet.

Man findet, wenn man einmal die Anker in der Erbschaftssteuerdebatte losgelassen hat, auch zahlreiche Gedanken, die für Subsidiarität und Eigenverantwortung von Familien sprechen. Viele werden dann für sich merken, dass sie Erben für gerecht halten – und die Besteuerung nicht.

Autor: Gerd Maas

Vom Autor ist im September 2015 „Warum Erben gerecht ist: Schluss mit der Neiddebatte“ erschienen (Finanzbuch-Verlag, ISBN 978-3-89879-942-3). Der vorstehende Artikel wurde zuerst als Gastbeitrag für die Fuldaer Zeitung veröffentlicht (08.09.15).

Papstbesuch: Ich bin nicht sicher …

Ein Papstbesuch in Deutschland wäre ein Grund zur Freude. Es gibt aber auch ein „aber“.

Der Papst 2016 in Deutschland? Das ist es, was gerade nach einer Audienz von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), berichtet wird (z.B. hier). Das wäre wirklich toll! Je früher, desto besser, vor allem, damit nicht allzu viel Zeit bleibt, den Besuch medial so vorzubereiten, wie es den Interessengruppen in den Kram passt (wohlgemerkt „den“, nicht „manchen“ Interessengruppen). Denn machen wir uns nichts vor: Ein solcher Besuch ist ungleich weniger kalkulierbar als bisherige Besuche eines Papstes, zuletzt von Papst Benedikt XVI.

Bis 2016 und bis zu einem potenziellen Papstbesuch wird noch ein bisschen Zeit ins Land gehen, in der noch viel passieren kann. Es wird wohl noch ein nachsynodales Schreiben zur Familiensynode geben – von einigen erhofft, von einigen befürchtet, von allen Interessierten mit Spannung erwartet. Das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit beginnt im Dezember und ich bin sicher, der Papst hat sich dafür noch die eine oder andere Überraschung ausgedacht, um die Vorstellungen von Barmherzigkeit an den Grenzen auszutesten. Und in welche Richtungen das gehen wird? Die Vergangenheit hat gezeigt, wie wenig vorhersehbar der Papst ist.

Wie würde der Papst empfangen?

Nehmen wir aber mal die gegenwärtige Stimmung an, dann könnte es schon besonders sein, zu sehen, wie der Papst im Vergleich zu seinem Vorgänger empfangen würde: Ob es wohl wieder eine Einladung in den Bundestag geben würde? Und ob sich dann wieder einige Bundestagsabgeordnete nicht entblöden würden, demonstrativ den Saal zu verlassen? Oder wären es diesmal eher die Linken, die dem Papst zuhören wollten, während sich die Konservativen bemühten, ihn so zu interpretieren, dass es ihren Vorstellungen am nächsten kommt?

Würde es Demonstrationen geben gegen … oder eher für den Papst, jedenfalls dessen Positionen, so wie man sie wahrnimmt und für sich nutzen möchte? Wäre das Interesse überhaupt so hoch wie bei Papst Benedikt, der seine Heimat besucht hat, im Vergleich zum Papst vom anderen Ende der Welt? Was wäre in den Talkshows los: Würde man sich darin überbieten, zwischen sich und die Positionen des Papstes so viel Distanz wie möglich zu bringen, oder würde man versuchen zu verdeutlichen, dass der Papst auf der Seite der eigenen Partei stehe?

Wie würde der Papst sich zu akuten Problemen äußern: zur Flüchtlingskrise, zur Frage des Gender Mainstreaming, zu Familienthemen, zur Entwicklung der katholischen Kirche in Deutschland? Gäbe es ein Donnerwetter für Politik und Kirchenvertreter, die den Glauben hinter sich zu lassen drohen oder eine Seelenmassage für Offenheit und Toleranz? Würde er Gewalt gegen Flüchtlinge, Gewalt gegen Christen und Agressionen gegen katholische Positionen zur Sprache bringen?

Sind dieses Land und seine Menschen in der richtigen Verfassung, den Papst zu empfangen?

Würde der Papstbesuch wieder ein Riesenevent werden – mit Olympiastadion und allem drum und dran – oder eher ein möglichst klein gehaltener Arbeitsbesuch, bei dem sich der Papst tatsächlich ein Bild von Land und Leuten machen wollen würde? Und mit welchen Autos würde der Papst durch Deutschland fahren: Mercedes oder eher Opel? Oder gar VW? Würde es ein Besuch voller Symbolik werden oder eher eine unprätentiöse Reise eines Mannes, der zufällig weltliches Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken ist?

Und würde man – würde ich! – diesen Besuch nicht auf Schritt und Tritt vergleichen mit denen seines Vorgängers? Was würde ich alles verpassen, nur weil ich den Blick nicht frei habe auf den Mann aus Argentinien, weil in meinem inneren Auge immer der Mann aus Bayern im Weg stünde, wie zum Beispiel mit seiner Ansprache im Bundestag oder seiner Regensburger Rede?

Täte ein Papstbesuch den Deutschen im Allgemeinen, den Katholiken im Speziellen eher gut oder wüssten wir im Moment wenig damit anzufangen? Wäre ein Papstbesuch in Deutschland 2016 eine Bereicherung für den Glauben oder würde er bei vielen Verwirrung stiften, nicht wegen des Papstes selbst sondern wegen des ganzen Drumherum?

Sollten wir uns – sollte ich mir einen Besuch des Papstes in Deutschland für 2016 wünschen? Ich fände es wunderbar, wenn er Deutschland besuchen würde, aber ich bin nicht sicher, ob dieses Land im Moment in der richtigen Verfassung dafür wäre. Vielleicht gerade deshalb …

Autor: Felix Honekamp

Sterbehilfe: Aktiv und passiv

Es gibt einen Unterschied zwischen “töten” und “sterben lassen”. Auch, wenn es in der Konsequenz (langfristig) dasselbe ist, ob man einen 35jährigen Mann erschießt oder eben 50 oder 60 Jahren wartet, bis er “von selbst” stirbt, beurteilen wir “erschießen” und “warten” moralisch und rechtlich unterschiedlich. Das ist trivial, man muss es sich aber für die Sterbehilfedebatte noch einmal so klar vor Augen führen.

Denn: Worum geht es in der aktuellen deutschen Debatte? Es geht um die aktive Form der Sterbehilfe, um ein Eingreifen mit dem Ziel der Tötung eines Menschen (in Deutschland verboten, auch dann, wenn es dem Wunsch des Patienten entspräche). Es geht nicht um die passive Form der Sterbehilfe, um ein Nicht- oder Nicht mehr-Eingreifen unter Inkaufnahme eines Sterbens, das früher eintritt als in dem Fall, in dem man “alles” versucht, was menschlich und technisch möglich ist (in Deutschland erlaubt, soweit vom Patienten willentlich verfügt).

Der Mensch ist mehr als Biologie

Man kann tatsächlich der Ansicht sein, dass die passive Form der Sterbehilfe (Sterben lassen auf Verlangen) erlaubt, die aktive Form der Sterbehilfe (Töten auf Verlangen) hingegen verboten sein sollte, weil die gezielte Beendigung menschlichen Lebens ebenso gegen die Würde des Menschen verstößt wie eine Lebensverlängerung um “jeden” Preis. Gerade in einer hochtechnisierten Medizin ist es möglich, biologische Funktionen durch technische zu “ersetzen” und so das “Leben” erheblich zu verlängern. Der Mensch aber ist mehr als seine Biologie.

Der Philosoph Robert Spaemann meint dazu in seinem Aufsatz Es gibt kein gutes Töten (1997): “Die Medizin kann nicht mehr dem Prinzip folgen, jederzeit jedes menschliche Leben so lange zu erhalten, wie das technisch möglich ist. Sie kann es nicht aus Gründen der Menschenwürde, zu der auch das menschenwürdige Sterbenlassen gehört.” Das bedeutet konkret: “Das ärztliche Berufsethos muß angesichts der ständig wachsenden Möglichkeiten der Medizin Kriterien der Normalität entwickeln, Kriterien für das, was wir jedem Menschen, und gerade den kranken und alten, an Zuwendung, an Pflege, an medizinischer Grundversorgung schulden, und für das, was statt dessen abhängig gemacht werden muß von Alter, Heilungsaussicht und persönlichen Umständen.”

Den moraltheoretischen Hintergrund der Differenzierung von “töten” und “sterben lassen” bildet der prinzipielle Unterschied zwischen “handeln” und “unterlassen”. Auch dazu gibt Robert Spaemann den entscheidenden Hinweis: “Der Wert jedes menschlichen Lebens ist zwar inkommensurabel, daher das unbedingte Tötungsverbot. Es gibt aber in moralischer Hinsicht einen Unterschied zwischen Handlungsgeboten und Unterlassungsgeboten. Nur Unterlassungsgebote können unbedingt sein, Handlungsgebote nie. Handlungsgebote unterliegen immer einer Abwägung der Gesamtsituation, und dazu gehören auch die zur Verfügung stehenden Mittel.”

Es kommt nicht nur auf die Folgen an

Ironischerweise bestärkt die Aufhebung der Differenz nicht den Vorrang der Unterlassung, sondern sie erhöht den Druck zu handeln: “Wer jeden Verzicht auf den Einsatz der äußeren Mittel als Tötung durch Unterlassen brandmarkt, der bereitet – und zwar oft absichtlich – den Weg für das aktive Umbringen.” Motto: Wenn das eine geht, warum dann nicht auch das andere – wenn es doch auf dasselbe hinausläuft? Dass es aber darauf – auf die Folgen allein – nicht ankommt (zumindest nicht in der Ethik und idealerweise dann auch nicht im Recht), muss man heute wieder stärker betonen.

Schließlich appelliert Spaemann, den Tod bewusst ins Leben zu holen: “Die Hospizbewegung, nicht die Euthanasiebewegung ist die menschenwürdige Antwort auf unsere Situation. Wo Sterben nicht als Teil des Lebens verstanden und kultiviert wird, da beginnt die Zivilisation des Todes.” Oder, um es mit Bundespräsident a. D. Horst Köhler zu sagen: Der Mensch sollte an der Hand, nicht durch die Hand der Angehörigen sterben. Das macht die Würde seines Lebens im Sterben aus.

Autor: Josef Bordat

Ist die Kirche homophob? Oder zumindest der Vatikan?

Wenn der Fahrer eines roten Autos mit 130 km/h durch eine geschlossene Ortschaft fährt und daraufhin von der Polizei einen Bußgeldbescheid bekommt, dann deshalb, weil er mit seinem Auto zu schnell fuhr. Und nicht, weil das Auto rot ist. Es ist zwar richtig, dass das Auto rot ist und dass der Fahrer des roten Autos mit einem roten Auto zu schnell fuhr, aber er wird wegen überhöhter Geschwindigkeit belangt, nicht wegen der Autofarbe. Die Schlagzeile “Unmittelbar nach Fahrt durchs Stadtgebiet: Polizei bestraft Fahrer eines roten Autos” wäre also – wohlwollend ausgedrückt – grob irreführend, weil man als Leser annehmen müsste, die Autofarbe habe irgendetwas mit der Straferteilung zu tun. Hat sie aber nicht. Cum hoc ergo propter hoc? Das ist hier die Frage, die man sich stellen muss, wenn man sachangemessen über die Raserei berichten will. Oder auch nicht. Man kann auch einfach denjenigen Sachverhalt aus dem Gesamtkontext reißen, der die meisten empörten Kommentare verspricht. Über Kausalität braucht man dann nicht mehr lange nachzudenken. Hauptsache das cum zieht. Und: propter – ach, wen interessiert’s?!

Folglich heißt es in Deutschlands führendem Nachrichtenportal: Unmittelbar nach Coming-Out: Vatikan feuert schwulen Geistlichen. Und weiter: “Ein hochrangiger Geistlicher aus dem Vatikan hat sich zu seiner Homosexualität bekannt. Die katholische Kirche reagierte prompt und feuerte den 43-jährigen Polen.” Ja, das tut er, der böse Vatikan: feuern. Aber nicht, weil der gute Geistliche schwul ist oder sich zu seiner Homosexualität bekannt hat, sondern weil er nicht zölibatär lebt. Dies zu tun hat er, der gute Geistliche, aber versprochen, als er in den Dienst der Katholischen Kirche eintrat. Er hat also sein Versprechen gebrochen – auf seine Art, die nur eine mögliche ist und auf die es auch weiterhin gar nicht ankommt. Entscheidend ist: Er hat sich nicht an eine Regel gehalten, die man bescheuert finden darf, an die er sich aber – wenn er katholischer Priester sein will – zu halten hat: ohne Partner zu leben. Er, der gute Geistliche, wusste von der Regel, hat versprochen sie zu halten, hat (lange) vorgetäuscht, sie auch wirklich zu halten, hat sie aber nicht gehalten, hält sie nicht und will sie auch künftig nicht halten. Deshalb – und nur deshalb – wird er gefeuert. Er musste damit rechnen. So, wie auch der Fahrer eines moosgrünen Autos mit einem Bußgeldbescheid rechnen muss, wenn er mit 130 km/h durch eine geschlossene Ortschaft fährt. Auch silber-metallic bewahrt nicht vor dem Knöllchen.

Konzept: homophobe Katholiken

Ob er, der gute Geistliche, darauf besonders stolz sein sollte, seinen Arbeitgeber getäuscht zu haben, ob er das (einzige) Opfer in der Sache ist und der böse Vatikan der (einzige) Täter, ist die eine Frage, die man stellen kann. Nur cum oder schon propter – das ist die andere Frage, die man stellen muss. Es ist dies aber keine Frage, die man beantworten kann, wie es einem gerade opportun erscheint. Zum Beispiel, wenn man die Farbe rot nicht ausstehen kann. Oder den Vatikan gerne als das sähe, was er nicht ist: homophob. Oder, wenn man will, dass die geneigte Leserschaft denkt: “Ich wusste es: Die Polizei hat was gegen rote Autos!” An den Kommentaren gemessen, hat Tagesschau.de das Kampfziel in Sachen Desinformation für den Monat Oktober schon erreicht: Die Amtsenthebung wird als “Akt des homophoben Vatikan-Regimes” missverstanden, das Konzept des “homophoben Katholiken” konditioniert den Diskurs; der eigentliche Kausalzusammenhang spielt keine Rolle. Nicht auszudenken, wenn demnächst ein Priester sein Versprechen wegen einer Frau bricht! Dann wäre die Kirche am Ende auch noch heterophob! – Was? In einem solchen Fall wird gar nicht berichtet? Stimmt auch wieder.

 

Autor: Josef Bordat

Deutschlands freundliches Gesicht

Deutschland ist ein schönes, erstrebenswertes Land. Ein Land, das in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigt und dessen politische Führung dazu steht. So sehr unsere Bevölkerung auch mit sich ringt und diskutiert: unsere Offenheit wird in der Welt gesehen und gelobt. Ich bin stolz auf diese Offenheit. Darauf, dass wir nicht vergessen haben, wieviel wir selbst anderen verdanken. Doch gerade weil ich damit einverstanden bin, besorgt es mich zu sehen, wie immer wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.

Zu oft wird vergessen, dass Freundlichkeit freundlich beantwortet werden muss, sonst hat sie kein langes Leben. Ein unfreundliches Deutschland aber wünscht sich niemand. Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass es uns gut ansteht, zu helfen. Wir sollten darüber nicht vergessen zu lernen, dass Situationen kippen und Schlimmes hervorbringen können: auch das lehrt unsere Geschichte. Ein Mindestmaß an politischer Vorsicht mit uns selbst ist angebracht.

Daher halte ich es für fatal, wenn Politiker Mietern ihrer Gemeinde die Wohnung kündigen, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Noch deutlicher kann man nicht sagen, dass die eigene Bevölkerung nicht mehr zur Aufgabe gehört, die man im Amtseid beschwor. Ebenso fatal ist es, wenn Frauen und Kinder sich in manchen Flüchtlingsheimen nachts nicht auf die Toilette trauen, aus Angst, vergewaltigt zu werden. Viele Frauen fragen sich, ob auch sie demnächst Angst haben müssen. Es ist fatal, wenn die Massenschlägereien zwischen Neuankömmlingen noch mehr Aufwand für uns zur Folge hat, für die Schläger jedoch meist nichts.

Wann, fragt sich mancher, wird endlich klar gemacht, was bei uns geht und was nicht. Wann wird klar, dass man sich auf mehr als auf Unterstützung einlässt, wenn man zu uns kommt. Wann wird das Bild, dass sich die Zuwanderer von uns machen, endlich vollständig: dass Deutschland erstrebenswert ist und dass man sich dort zu benehmen hat? Wer es als sein Recht ansieht, andere zu bedrohen, zu vergewaltigen oder an der Mitsprache zu hindern, ist hier falsch. Wie kann sich jemand auf die Herkunft aus einem unsicheren Drittland berufen, wenn er genau diese Unsicherheit selbst verbreitet? Er schadet uns und allen, die nach ihm zu uns kommen wollen, denn er hat ihr Gesicht für uns geprägt. Das aber trägt zu einer allgemeinen Vorverurteilung bei, die bei uns niemals wieder siegen darf!

Stimmungen dieser Art sind politisch ernst zu nehmen. Nicht der Umfrageergebnisse wegen, sondern weil diese Stimmungen Kraft haben und uns prägen können, wie wir es nicht wollen. Zu oft wird vergessen, dass es bei Sorgen erst einmal darum geht, dass sie existieren, nicht, ob sie berechtigt bzw. opportun sind.

Ein solches Thema ist schwer zu behandeln. Ich tue es nicht, um einer Stoppt-die-Flüchtlinge-vor-unseren-Grenzen-Mentalität das Wort zu reden – im Gegenteil. Es geht darum, unserem freundlichen Gesicht den nötigen Charakter zu geben. Es sollte das Gesicht eines Freundes mit Niveau und Lebensart sein, der weiß, was er will, und es von seinen Mitmenschen erwartet. Nicht das Gesicht eines grinsenden und zu allem nickenden Trottels, der irgendwann wieder den rechten Arm hebt, weil er vor sich selbst erschrickt.

Autor: Bastian Volkamer

Heimat – Christliche Willkommenskultur

Ich weiß nicht, wann die ARD sich entschlossen hat, eine Themenwoche zum Begriff der „Heimat“ zu veranstalten. Mit Sicherheit stand jedoch von Beginn an im Raum, diese möge zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit stattfinden, anlässlich der deutschen Heimatsuche, die im Sommer 1989 begann, als Flüchtlinge aus der DDR über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik kamen. Jetzt kommen wieder Menschen über Ungarn und Österreich zu uns, die auf der Flucht sind, vor Krieg, Verfolgung und Armut, vor allem aber vor der Perspektivlosigkeit daheim. Das ist die Klammer, die Vergangenheit und Gegenwart zusammenhält.

Heimat ist der Inbegriff für Geborgenheit, Sicherheit und Gewissheit – und damit so etwas wie das Gegenteil von Perspektivlosigkeit. Heimat steht für die Verwurzelung im wohldefinierten lebensweltlichen Kontext, für familiäre und freundschaftliche Beziehungen und für ein bekanntes soziales wie kulturelles Umfeld. Wie dramatisch ist es, einen solchen Ort wie die Heimat aufgeben zu müssen – freiwillig tut das niemand, der noch einen Funken an Hoffnung hat. Ist auch der erloschen – nichts wie weg!

Der christliche Glaube vermittelt ein Heimatgefühl

Eine christliche Willkommenskultur für Flüchtlinge öffnet ihnen die Tore, ausgehend von einem Heimatbegriff, der von einem geschlossenen, räumlichen Verständnis zu einer Haltung der Offenheit wird, die ein Konzept von Heimat als Gefühl ermöglicht, als Ahnung eines Eu-Topos, der nicht an einen Topos gebunden ist, der aber auch keine Utopie bleibt. Es ist eine Haltung, in der es oberstes Prinzip ist, geistige Beheimatung zu schaffen – soweit dies nur irgend möglich ist. Es ist mithin eine Haltung des christlichen Glaubens, die möglichst vielen Menschen das Gefühl zu vermitteln versucht, eine Heimat zu haben – auch jenseits der Heimat.

Kann das gelingen? Das gilt natürlich vor allem im Umgang mit diejenigen Migranten, die bereits in unserem Glauben verwurzelt sind, zum Teil viel tiefer als wir selbst. Das gilt für die Opfer der Christenverfolgung, für die christlichen Flüchtlinge aus Syrien, aus Ägypten und aus dem Irak. Hier ist die geistige Heimat ja grundsätzlich die gleiche, wir können – mal abgesehen von Sprachbarrieren – unmittelbar in Beziehung treten: Gemeinsam Gottesdienst feiern, zusammen beten. Das schafft Nähe, das schafft Vertrautheit, das schafft Ausgangspunkte für weitere Schritte.

Analoges ließe sich über muslimische Migranten und Moschee-Gemeinden sagen: Diese sind bevorzugte Anlaufstellen für jene. Nur ist es eben so, dass die Verzahnung der islamischen Strukturen mit dem gesellschaftlichen Leben nicht so gegeben ist wie bei der Kirche. Zum Sonntagsgottesdienst kommen auch Kommunalpolitiker und lokale Unternehmer, mit denen gleich Kontakte entstehen, die über die Ebene des praktizierten Glaubens hinausgehen und weitreichende Integration ermöglichen. Bei Muslimen besteht ganz im Gegenteil die Gefahr weiterer Segregation, insoweit sie dazu neigen, sich in die bestehende Parallelgesellschaft zu integrieren und damit den Graben zur Mehrheitsgesellschaft zu vertiefen.

Es gibt eine Bringschuld der Neuankömmlinge

Das muss eine christliche Willkommenskultur verhindern. Bloß: Wie? Fest steht: Ohne die Unterstützung geteilten Glaubens müssen in Sachen „geistige Beheimatung“ viel kleinere Brötchen gebacken werden. Hier geht es zunächst um die Anerkennung von Grundregeln des Zusammenlebens – das ist eine nicht verhandelbare Bringschuld der Neuankömmlinge. Sie kann auch der Muslima, dem Muslim nicht erlassen werden, auch, wenn diese Regeln ihr und ihm fremd sind, weil sie sich einer aus dem christlichen Glauben gewonnenen Moral verdanken. Diese Genesis darf die unbedingte Geltung des Regelwerks nicht schwächen.

Das christliche Menschenbild ist nun einmal biblisch, hält aber universale Ideen vor (Würde, Freiheit, Gleichberechtigung), die nicht abgelehnt werden dürfen, bloß weil sie dem biblisch-christlichen Menschenbild entstammen und sich historisch aus dem Beitrag des Christentums zu Recht und Politik entwickelt haben. Wer damit nicht klar kommt, kann nicht hier bleiben. Er muss gehen. Schon aus Eigeninteresse: Denn unsere Heimat kann ja dann für ihn kein Eu-Topos, kein guter Ort sein.

Wenn das geklärt ist, kann es auch im Umgang mit einem Menschen muslimischen Glaubens geistige Beheimatung geben – durch offenen und konstruktiven Austausch. Geistige Heimat findet der Mensch zwar zunächst einmal dort, wo er mit Anderen Ideen und Konzepte teilt und sich mit ihnen in der Sache einig ist, aber auch dort, wo er eingeladen ist, daran mitzuwirken, dass man sich einig wird oder einig zu werden versucht. Wenn das von beiden Seiten in ehrlicher und offener Weise geschieht, können auch Unterschiede im religiösen Glauben überwunden werden.

Stattfinden kann der Dialog aber nur in den engen Grenzen einer beiderseitigen Anerkennung der Bedeutung dieser Unterschiede einerseits und der Verfahrensregeln andererseits. Aufgabe einer christlichen Willkommenskultur ist es dabei, vorbehaltlos auf den einzelnen Flüchtling zuzugehen, auch, wenn dieser einen anderen Glauben hat, zugleich aber die Anerkennung von Grundregeln einzufordern. Nicht auf der Sachebene, sondern auf der Metaebene braucht es eine gemeinsame Heimat, getragen von Gewaltlosigkeit, Gleichberechtigung und Gesprächsorientierung.

Autor: Josef Bordat

Familiensynode

Warum ist es der Kirche wichtig, eine Position zu Ehe, Familie und Sexualität zu vertreten?

Neben vielen inhaltlichen Anmerkungen zu Detailfragen wurde anlässlich der Familiensynode auch die Grundsatzfrage gestellt: Warum ist das überhaupt wichtig für die Kirche: Familie, Ehe, Sexualität? Warum kann sich die Kirche da nicht raushalten?

Raushalten – das geht nicht! Zumindest dann nicht, wenn die Kirche die Offenbarung, auf der sie gründet, ernst nimmt. Gerade gestern wurde die einschlägige Stelle aus dem Evangelium Jesu Christi weltweit in den Heiligen Messen gelesen – nicht, weil gerade Familiensynode ist, sondern weil es die Leseordnung so vorsieht: “Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen” (Markus 10, 2-9).

Raushalten – das geht nicht! Zumindest dann nicht, wenn die Kirche überhaupt einen moralischen Anspruch aufrecht erhalten will. Und das sollte sie, ja, das muss sie, wenn sie Kirche Jesu Christi sein will. Sexualität ist Teil der Person und die Person ist ein Gegenstand des Christentums – sowohl in ihrer Beziehung zu Gott als auch zu anderen Personen, also: in der Art und Weise, wie sie ihr Leben führt. Wenn die Kirche sich da raushalten soll, dann kann sie sich auch auflösen. Die Kirche muss sich also auch in Fragen einmischen, die das Innerste der Person betreffen, das gehört zu ihrem Wesen. Dass wir als Gläubige dabei mit Anforderungen konfrontiert werden, die wir nicht verstehen und denen gerecht zu werden uns schwer fällt, und dass sogar – aus der heutigen theologischen Sicht – Fehler gemacht wurden in den letzten 2000 Jahren, das ist unbestritten, darf aber nicht dazu führen, nun gar nichts mehr zu sagen, wenn eine Gesellschaft darüber diskutiert, was gut und richtig und was böse und falsch ist. Hier erwartet auch die Gesellschaft von der Kirche, dass sie Orientierung gibt. Auch für die Gewissensbildung, die zu dem führen soll, das immer wieder vehement eingefordert wird, die Eigenverantwortung nämlich, ist eine Orientierung hilfreich bis nötig.

Sexualmoral schafft Verbindung zwischen Anthropologie und Ethik

Raushalten – das geht nicht! Zumindest dann nicht, wenn die Kirche überhaupt noch am ethischen Diskurs teilnehmen will. Der Blick auf Familie, Ehe und Sexualität ist Teil der Anthropologie (christliches Menschenbild) und Teil der Ethik (christliche Moraltheorie). Von der anthropologischen Positionierung hängt ab, wie ethische Fragen beantwortet werden, nicht nur im Bereich der Sexualmoral. Es ist wichtig, die Sexualmoral als Spezialgebiet der christlichen Ethik bzw. der katholischen Morallehre aufzufassen. Diese erschöpft sich nicht darin, kommt aber ohne Sexualmoral nur zu fragmentarischen Ergebnissen. Erst die Sexualmoral schafft eine Verbindung zwischen Anthropologie und Ethik, die auch in andere Bereiche der Moraltheorie führt, etwa in die Bioethik, die Medizinethik, die Umweltethik. Die Vorstellung von gelungener Sexualität macht die Ethik rund. Eine Ethik, die der Frage nachgeht, wie der Mensch handeln soll, und dabei Fragen von Ehe, Partnerschaft, Freundschaft, Familie und Sexualität, ja, auch von Erotik und Sex, ausblendet, wird immer unvollständig sein.

Deshalb kann sich die Kirche da nicht raushalten. Das gilt übrigens nicht nur für die Kirche. Viele Ethiken machen anthropoligische Voraussetzungen, die gerade auch sexual- und reproduktionsethisch konnotiert sind. Sie sind zum Teil viel stärker an der Regulierung der Sexualität interessiert als es die Kirche je war. Der hedonistische Utilitarismus etwa basiert ganz wesentlich darauf, Sex und Reproduktion zu trennen, um das Moment des Spaß-Habens in den Vordergrund stellen und als wesentliches Merkmal von bzw. wichtiges Kriterium für Freiheit anbieten zu können.

Das lässt auch Gesellschaftsentwürfe nicht unbeeinflusst. Nicht nur Nationalsozialismus (Mutterkreuz) und Kommunimus (FKK als Ersatzfreiheit) sind da einschlägig, auch die neuere deutsche Demokratie. In dieser kam es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu der tragischen Entwicklung, die sexuelle Befreiung nicht nur phänomenologisch, sondern normativ aufzufassen (Wer beim Spaß-Haben nicht mitspielt, ist verklemmt und gerät unter sozialen Druck; man muss sich nur vor Augen führen, was die Opfer des Missbrauchs an der Odenwaldschule über die Überzeugungs- und später auch Rechtfertigungsstrategien ihrer Peiniger aussagen).

Die Kirche soll schweigen?

Gerade auch an Familienmodellen und Sexualutopien machen sich Ethiken fest. Vorstellungen zur Reproduktion sind von Platon über Thomas Morus bis hin zu den Entwürfen des 20. Jahrhunderts ganz zentrale Überlegungen eines jeden Sozialingenieurs. Und ausgerechnet die Kirche soll hierzu schweigen? Gerade im Politischen Utopismus ging es dabei übrigens um Macht, Sozialkontrolle und Unterdrückung (also das, was der Kirche oft als Motiv unterstellt wird, wenn sie sich zu Fragen der Sexualität äußert), ausgehend von einem sehr unchristlichen Menschenbild (etwa einem behavioristischen wie bei Skinner, Autor von Walden Two).

Kurz gesagt: Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, muss zugleich wollen, dass sie Teile der Offenbarung verleugnet, auf der sie gründet. Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, der muss in Kauf nehmen, dass sie dann auch nichts mehr zur Ethik insgesamt sagen kann, weil ihrer Morallehre die anthropologischen Grundlagen entzogen sind. Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, verleiht ihr unter den moralischen Instanzen gerade jenen Sonderstatus, den er ihr nehmen will.

Autor: Josef Bordat